Das Ende einer Epoche – der Anfang eines Mythos

1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Er riss ganze Reiche mit sich — und die Familien, die sie repräsentierten. Die Hohenzollern. Die Romanows. Und für den Bereich der k.u.k. Monarchie die Habsburger. Man hat diese Zeitenwende meist in Hinblick auf die Erste Republik und deren „Geburtswehen“ ausführlich betrachtet. Was aus den Habsburgern wurde, immerhin eine riesige Familie mit einem Kaiser, einer Kaiserin und deren Kindern im Zentrum, interessierte im Allgemeinen weniger. Das Wiener Hofmobiliendepot widmet dem Thema nun eine hoch interessante Ausstellung.

Sekretär aus dem Besitz von Marie Antoinette, 1780. © BMobV/Lois Lammerhuber

Text: Renate Wagner

Die Habsburgermonarchie war bis zuletzt eine fest gefügte Welt, basierend auf einem enormen Beamtenapparat, einem Heer, einer mächtigen katholischen Kirche, dem Adel, einem reichen Bürgertum – und sehr, sehr vielen armen Leuten. Die dennoch wussten, was sie von einer Welt, in der „der Kaiser“ als Garantie der Sicherheit an der Spitze stand, zu erwarten hatten. Joseph Roth hat es „die kalte Sonne Habsburgs“ genannt: Aber es war eine Sonne gewesen.

Als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, standen Politiker bereit, die riesige Umwälzung von der Monarchie zur Republik in Angriff zu nehmen, was leichter klang als es war. Erste Frage: Wohin mit den Habsburgern? Denn man machte sie für den Krieg und für soziale Missstände verantwortlich und wollte sie in dem deutschsprachigen „Rest-Österreich“ nicht haben. Die Schweiz gewährte Exil, die kaiserliche Familie konnte ausreisen: Karl I. und die schwangere Zita kehrten schweren Herzens und gezwungenermaßen mit den Kindern Otto, Adelheid, Robert, Felix und Karl der nunmehrigen Republik Österreich den Rücken.

Der Besitz der Habsburger: kostbar und doch eine Last

Karl starb dann schon am 1. April 1922 in Funchal auf der portugiesischen Insel Madeira, wohin die Familie weitergezogen war. Immerhin hatten die Österreicher ihre Habsburger ins Exil geschickt und nicht grausam ermordet, wie es die Russen mit den Romanows taten. Allerdings setzte man alle Anstrengungen darein, sie möglichst „nie wieder“ auf österreichischen Boden zurückkehren zu lassen.
Die Schwerarbeit, Habsburg aus dem Nachfolgestaat zu „entsorgen“, ist heute kaum mehr vorstellbar. Das bezog sich nicht nur auf die enormen Besitzungen, die natürlich zurückgeblieben waren. Da musste eine Welt von Beamten und Militärs neu strukturiert werden (und neue Eide leisten), und was fing man mit dem ungeheuren „Hofstaat“ an, der ja von den höchsten Obersthofmeistern bis zu den einfachen Köchen und Zimmermädchen eine unübersichtliche Fülle von Personal umfasste — die sogar, über eigenes, schlichtes, aber sehr schönes Geschirr verfügte.

Ebensolche Probleme bereitete der Besitz der Habsburger, den sich die Erste Republik ohne Gewissensbisse einverleibte. Es benötigte drei Jahre, bis man Schlösser, Kunstsammlungen und Hofverwaltung in die neue Republik eingegliedert hatte — an sich kostbarer Besitz, aber was die Erhaltung betraf eine große Last. Wobei die Nachfolgestaaten auch ihre Ansprüche stellten. Besonders ausführlich dokumentiert die Ausstellung den „Kampf“ um das Innenleben von Schloss Miramare bei Triest (das Kaiser Max von Mexiko gebaut hatte, als er noch österreichischer Erzherzog war), wo die Italiener die Möbel, die die Österreicher während des Krieges wohlweislich weggeschafft hatten, zurückverlangten. Und noch kräftige Forderungen an die kaiserliche Gemäldegalerie stellten. Und all das musste in Zeiten organisiert werden, wo die Regierung in Wien sich eigentlich vor einer Revolution fürchtete und die Bevölkerung hungerte.

Möbel des Kaiserhauses  in „Sisi“-Filmen

Kaisertreue würden immer behaupten, dass die Republik Österreich die Habsburger brutal „bestohlen“ habe — die Gegenseite beschuldigte Kaiser Karl, Juwelen aus der Schatzkammer ins Exil mitgenommen zu haben. Jedenfalls ging es darum, was noch vorhanden waren, zu zerstören und umzuwidmen, um möglichst die Erinnerung auszulöschen — die Habsburgischen Symbole zu entfernen und zerstören, die Institutionen umzubenennen und neuen Zwecken zuzuführen: Wenn man Kriegsinvalide in Schloss Schönbrunn unterbrachte, so schien das der damaligen öffentlichen Meinung die gerechte Vergeltung dafür, „Opfer habsburgischen Unrechts“ zu entschädigen. Man hat Habsburger-Besitz verkauft, weil man darüber verfügte (etwa Pferde, Wagen, Zubehör), man hat Schönbrunn vermietet.

Die wahren Erben der Habsburger waren nicht die Habsburger selbst, die nichts von ihren Besitzungen zurück erhielten (es gab nur etwas Geld: nach Karls Tod zahlte der Staat Zita einige Millionen Kronen), sondern die Österreicher. Nach 1945 hat man, um die nationalsozialistische Herrschaft ideologisch abzuschütteln, schnell zu den Habsburgern als glanzvoll-nostalgische Vergangenheit zurückgefunden. Die restlichen Möbel des Kaiserhauses staffierten nicht nur die „Sisi“-Filme mit Romy Schneider aus.
Womit Österreich heute noch lebt und sehr gut lebt, ist die Umverteilung der Kunstschätze, die die Habsburger in Jahrhunderten leidenschaftlicher Sammlertätigkeit zusammengetragen hatten. Institutionen wie das Kunsthistorische Museum oder die Albertina sind unser „Habsburgisches Erbe“ und würden ohne die Familie nicht existieren. Der „Habsburgische Mythos“ heute ist ein Tourismus-Konzept, das Millionen Menschen nach Österreich bringt. Mittlerweile ist auch Schloss Schönbrunn mit schätzungsweise 10.000 meist ausländischen Besuchern täglich ein Hauptanziehungspunkt von Wien. Dazu kommt die Hofburg mit ihrem spektakulären „Sisi“-Museum und den Kaiserappartements, der Silberkammer und dem absoluten Höhepunkt, der Schatzkammer.

Habsburg ist wieder da, ohne Habsburg hätte Wien viel weniger zu bieten. Und Ämter und Ministerien haben sich an Habsburgischem Mobiliar und den Gemälden der Familie bedient, um der offiziellen Zweiten Republik schönes „imperiales Flair“ zu geben. Das Hofmobiliendepot, einst von Maria Theresia gegründet, um die zahllosen Möbel zwischenzulagern, die zwischen den Schlössern hin- und hergeschoben wurden, ist heute ein Museum, das nicht nur diese „Habsburg nach 1918“-Ausstellung ausrichtet, sondern auch kaiserliche Möbel aus allen Epochen in der Dauerausstellung zeigt. Einst wollte man den Kaiser vergessen. Heute gehört „Kaiser schauen“ zu den großen Vergnügungen.

Hofmobiliendepot Möbel Museum Wien: Bruch und Kontinuität: Das Schicksal des habsburgischen Erbes nach 1918
Bis 30. Juni 2019
www.hofmobiliendepot.at