Das Erbe des Gänsevaters

Geliebt, verehrt, umstritten: Am 27. Februar jährt sich der Todestag von Konrad Lorenz zum 30. Mal. Seine Arbeit mit Wildgänsen machte ihn einst weltberühmt. Sein Ruf als Ikone und Gründervater der Verhaltensforschung bekam mit Bekanntwerden seiner Nationalsozialismus-Vergangenheit posthum zwar einen schalen Nachgeschmack. Mit Oberösterreich bleibt der Name Lorenz aber vor allem wegen der von ihm gegründeten Forschungsstelle im Almtal — heute eine Außenstelle der Universität Wien, für immer verbunden. Dort widmet der Forschernachwuchs nach wie vor seine Arbeiten dem Federvieh.

Konrad Lorenz mit Entendame „Selma“ vor der Forschungsstelle in Grünau. © Paul Winkler

Ein altes Steinhaus an der Alm in Grünau zeugt von der Anwesenheit des Vaters der Graugänse. Noch heute tummeln sich deren Ururur…ur-Enkel dort auf der Wiese und ziehen völlig ungestört im Wasser ihre Bahnen. Ein echtes Idyll und eine wichtige Forschungsstelle für Verhaltenswissenschafter der Uni Wien. 1973 hat Lorenz sie auf Einladung der Cumberland-Stiftung gegründet, in jenem Jahr, in dem seine Arbeit mit dem Medizin-Nobelpreis gekrönt wurde und er sich als Leiter des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie im bayerischen Seewiesen zur Ruhe setzte.

Der 70-Jährige ließ das Gebäude, das ab 1779 als Mühle, dann als Flößerhaus diente und in dem bis zu diesem Zeitpunkt Arbeiter der Stiftung wohnten, für seine Zwecke adaptieren. „Er war damals mit seinen Mitarbeitern und seinen 148 Gänsen angereist“, erzählt Josef Hemetsberger, der stellvertretende Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle (KLF). Noch jahrelang führte er an der Alm seine Forschungen durch. In den letzten Jahren vor seinem Tod habe er aber nur noch die Sommermonate mit seinen geliebten Vögeln verbracht. Diese hatten übrigens allesamt Namen, auf die sie zwar nicht hörten, anhand ihrer Beringung aber identifizierbar waren. „Das ist auch bis heute so geblieben“, betont der Ornithologe, der in Lorenz’ Fußstapfen trat und sich seit Jahren mit dem Monitoring seiner Graugansschar beschäftigt.

Forschungen rund ums Federvieh

Ab 1990, nach dem Tod Lorenz’, wurde die kleine Forschungsstelle im Auftrag der Universität Wien zu einer bekannten Größe in der internationalen Forschungslandschaft entwickelt. Seit 2011 gehört sie auch offiziell zur Uni. Im Vorjahr wurde mit dem Bau einer neuen Bleibe, die an den Cumberland-Wildpark angrenzt, begonnen. Frühestens im kommenden Jahr wird übersiedelt — das alte Haus wird dann aufgegeben.
Schon lange nicht mehr wird die Gegend zwangsläufig nur mit den „Lorenz-Gänsen“ in Verbindung gebracht: In der Grünau war ursprünglich auch das „Wolf Science Center“ angesiedelt — mitbegründet vom Nachfolger Lorenz’, Kurz Kotrschal, der von 1990 bis 2018 die Forschungsstelle leitete. Auch das Waldrapp-Migrationsprogamm, bei dem die Vögel mit Leichtflugzeugen in ihr Winterquartier nach Italien begleitet werden, hat im Almtal seinen Ursprung genommen.

Derzeit fokussieren sich die Forscher, Assistenten, Diplomanden und Dissertanten um deren Leiterin, Biologin Sonia Kleindorfer, auf mehrere Projekte mit Graugänsen, Kolkraben, einer ortsansässigen Kolonie von Waldrappen und den „Forschungspartnern“ in den Volieren des Wildparks. Darunter auch zwei „Citizen-Science-Projekte“, an denen Hobbyforscher mit Hilfe einer Handy-App mitmachen können und mit ihren gemeldeten Sichtungen von markierten Vögeln die Arbeit der Wissenschafter unterstützen.

Früh die Liebe zu Tieren entdeckt

Lorenz selbst hat seine Arbeit mit den Tieren, die ihn ein Leben lang begleitete, bereits in frühen Jahren begonnen. Schon in seiner Kindheit beschäftigte sich der Chirurgen-Sohn am elterlichen Gut in Altenberg bei Greifenstein in Niederösterreich mit Tieren, die er aus den nahe gelegenen Donauauen nach Hause brachte. Während seiner Gymnasialzeit pflegte er kranke Tiere im Tiergarten Schönbrunn. Nach seinem Medizinstudium, das er auf Drängen seines Vaters absolvierte, schloss er noch ein Studium der Zoologie an. Schon während des Studiums widmete er sich der Erforschung von tierischen Instinktbewegungen und entdeckte, dass bei sehr verschiedenen Tiergruppen Bewegungsweisen auftreten, die gruppenspezifisch und daher ebenso kennzeichnend sind wie etwa Merkmale des Körperbaus. Damit legte Lorenz aus heutiger Sicht die Grundlage für die vergleichende Verhaltensforschung.

Gänsemarsch-Fotos gingen um die Welt

Durch seine Forschungen an den Graugänsen, die er bereits 1937 gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen begann, wurde er schließlich bis über die Grenzen Österreichs hinweg bekannt. Konrad war ein Beobachter. Dadurch entdeckte er etwa das Phänomen der unauslöschlichen Prägung der Jungen (Gössel) auf die Mutter. Anfangs betätigte er sich ungewollt als Ersatzmutter und nicht selten — so wird es kolportiert — sah man ihn von einer Schar Graugänsen umringt von seinem Haus in Altenberg, wo er ab 1928 eine private zoologische Forschungsstation aufbaute, Richtung Donauauen ziehen oder mit seinen Ziehkindern in einem Altarm der Donau schwimmen. Die Bilder und auch jene, die ihn in späteren Lebensjahren zeigen, gingen damals um die Welt.

Umstritten und teilweise im Dunkeln ist heute die Rolle Lorenz’ und seine Arbeit während des Nazi-Regimes, die ihm posthum sogar die Aberkennung eines seiner acht Ehrendoktortitel — jenen der Uni Salzburg — einbrachte.
Nach Kriegsende und der Heimkehr aus der russischen Gefangenschaft 1948 widmete Lorenz ab 1950 seine Forschungstätigkeit dem Max-Planck-Institut. Zu seinen Schülern zählen bekannte Namen wie der 2018 verstorbene Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Wildbiologe Antal Festetic oder Otto König (1914 – 1992).

Umweltschützer und Grünen-Leitfigur

Lorenz, der den Nobelpreis 1973 gemeinsam mit den Zoologen Nikolaas Tinbergen (Holland) und Karl von Frisch (Deutschland) erhielt, war aber nicht nur Aushängeschild der österreichischen Wissenschaft, sondern auch eine schillernde Figur der ersten Stunde der Umweltschutz- bzw. Leitfigur der Grünen-Bewegung. Er wurde 1978 zur Galionsfigur der Volksabstimmung gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf. 1985 war er Namensgeber des Volksbegehrens gegen den Bau eines Wasserkraftwerks in den Hainburger Auen.

Nicht nur seine Gesinnung, auch einige seiner Forschungsergebnisse — und hier hauptsächlich seine Aggressionstheorie — sind heute bei Humanbiologen und Psychologen umstritten. Lorenz erklärte die Aggression als Antriebsfeder für viele Verhaltensweisen. Sie stecke in jedem Individuum und müsse von Zeit zu zeit geäußert werden. Für Nachfolger Kotrschal ist es ganz natürlich, dass nicht alle Theorien aus heutiger Sicht stimmen: „ Es wäre traurig, wenn es in 50 Jahren keinen Fortschritt gegeben hätte. Dann wäre die Verhaltensforschung keine Wissenschaft, sondern eine Religion.“ Der Popularität des Gänsevaters tut die Diskussion über seine Person allerdings keinen Abbruch.