„Das hätte den Lauf der Geschichte verändern können“

Schauspielerin Verena Altenberger (31) über starke Frauen, Enttäuschungen und „Das Wunder von Wörgl“

Stellen die Welt kurzfristig auf den Kopf: Rosa (Verena Altenberger) und Michael Unterguggenberger (Karl Markovics)„Es ist beruflich mein größtes Glück, dass ich so viel Unterschiedliches spielen darf“, sagt Altenberger.
„Es ist beruflich mein größtes Glück, dass ich so viel Unterschiedliches spielen darf“, sagt Altenberger. © APA/Hans Punz

Mit VERENA ALTENBERGER sprach Philipp Wagenhofer

Die gebürtige Salzburgerin ist eine fantastische und vielseitige Schauspielerin: „Die beste aller Welten“, „Magda macht das schon “ … Am Samstag ist sie kämpferisch in dem historischen TV-Drama „Das Wunder von Wörgl“ (ORF 2, 20.15 Uhr) zu erleben.

Hatten Sie vor diesem Angebot, die Rolle der Rosa Unterguggenberger anzunehmen, je vom „Wunder von Wörgl“ gehört?

Nein, das war tatsächlich neu für mich. Aber mein Papa hat gleich gemeint: „Ah, ja, Schwundgeld, klar“. Das ist schon noch ein Begriff.

Die Vision des Michael Unterguggenberger, den Menschen Arbeit und Brot zu verschaffen, wird von seiner Frau maßgeblich gestärkt. War das für Sie der besondere Aspekt, den es herauszuarbeiten galt?

Absolut, das war einer der ganz wichtigen Aspekte und ich würde das sogar noch korrigieren, wie Sie das formuliert haben. Das hat nämlich nicht der Herr Unterguggenberger erdacht, sondern das haben die Eheleute wirklich komplett gemeinsam erdacht, getragen und umgesetzt. Er war der Bürgermeister, aber in ihrer Vision waren die Eheleute komplett gleich beteiligt.

Wenn man von der Idee des Tauschhandels mittels Schwundgeld hört, ist man wahrscheinlich skeptisch. War es für Sie schwierig, sich in die Rolle zu versetzen, als Wegbereiterin kämpferisch gegen die Obrigkeit aufzutreten?

Ich habe mich auf die Hoffnung und auf den Kampf konzentriert. Und das war eine sehr inspirierende Reise, die ich mit der Rosa mitgehen durfte. Es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht.

Macht Ihnen die Vorstellung Angst, dass auch in unserer Zeit Krisen als jederzeit möglich erscheinen?

Ich versuche generell, so wenig wie möglich Angst zu haben, weil Angst selten ein guter Motor ist. Im Film kommt ein Satz vor, der heute genauso gilt wie in den Dreißigerjahren: „Man muss niemand anderem etwas wegnehmen, damit es einem selber gut geht.“ Diesen Satz könnten sich alle, auch die Politiker, heute genauso hinter die Ohren schreiben. Wir brauchen nicht weniger Sozialsystem, wir brauchen mehr, wir müssen in unsere Gegenüber investieren. Genauso, wie es im „Wunder von Wörgl“ funktioniert, könnte es heute funktionieren. Je mehr Leute zur Wirtin gehen, umso mehr könnte sie dem Metzger bezahlen, desto höhere Preise kann er dem Bauern bezahlen, damit der — um heutig zu sprechen — von Massentierhaltung endlich auf Bio umstellen kann.

„Babylon Berlin“, „Der Trafikant“ und „Das Wunder von Wörgl“ — warum werden jetzt so viele Stoffe aus der Zwischenkriegszeit vor dem Hintergrund des aufkeimenden Nationalsozialismus verfilmt?

Ich bin sehr froh, dass wir diese Geschichte jetzt erzählen, weil wir natürlich gewisse Tendenzen sehen, die sich wiederholen. Das sind Formen von Ausgrenzung, von Angstmache und Hetze, die es in den Dreißigerjahren gab und die in Tendenzen heute auch wieder zu erkennen sind. Was die Kunst machen kann, ist, Geschichten zu erzählen, von Fällen, die gut oder schlecht ausgegangen sind, in der Hoffnung, dass Menschen diese Geschichten sehen und darüber nachdenken, was sie heute daraus machen.

Starke Frauenfiguren, die sich damals in politische oder wirtschaftliche Dinge eingemischt haben, waren wohl nicht die Regel. Sind wir heute diesbezüglich viele Schritte weiter?

Ich denke, dass wir auf jeden Fall weiter sind. Wir sind noch nicht bei einer völligen Gleichberechtigung angekommen. Wenn heute noch diskutiert wird, ob man gendert, dann muss ich einfach verständnislos den Kopf schütteln. Sprache ist Wurzel und Ursprung von so vielem, also müssen wir auch genau da ansetzen, um die Gleichberechtigung durchzusetzen.

„Das Wunder von Wörgl“ erzählt auch davon, in aussichtslos erscheinenden Situationen aufzustehen und anzugreifen. Ist uns dieser Mut, Alternativen anzudenken, abhanden gekommen?

Nein, das glaube ich nicht. Ich habe gerade aktuell in Österreich das Gefühl, dass sehr viele Leute sehr kritisch aufmerken und Unrecht auch wirklich beim Namen nennen. Im „Wunder von Wörgl“ ist es bezeichnend, dass ein Einzelner etwas in Bewegung setzen kann, das Wellen schlägt. Hätte man die Unterguggenbergers weiterarbeiten lassen, die hätten den Lauf der Geschichte verändern können. Das ist auch ein positives Signal für heute.

Sie selbst wurden anfangs am Reinhardt Seminar abgelehnt. Haben Sie je an Ihrer Berufung gezweifelt?

An mir selber damals schon. Ich finde es wichtig, Trauer und Enttäuschung und Wut zuzulassen, aber dann auch wieder den Schritt herauszumachen und zu überlegen, wofür kann das mein Motor sein. Im Falle meines missglückten Vorsprechens stand an positivem Antrieb dann dahinter: Du musst besser werden. Du musst Bildungslücken schließen, ins Theater gehen, dich fortbilden. Genau das habe ich gemacht. Und dann hat es ja Gott sei Dank geklappt.

In „Das Wunder von Wörgl“ sind Sie diese kämpferische Frau an der Seite des Bürgermeisters, kürzlich habe ich Sie als unaufgeregte Kommissarin in „Rufmord“ gesehen – beide Male sehr überzeugend. Dazu kommt die Chantal in den „CopStories“, „Die beste aller Welten“, die Comedy „Magda macht das schon“ … Gibt es schauspielerische Facetten, die Sie noch gerne bedienen würden?

Das hoffe ich nicht, dass ich mit meinen 31 Jahren schon meine komplette Palette gezeigt habe. Dass ich so viel Unterschiedliches spielen darf, ist beruflich mein größtes Glück. Und das ist auch mein größter Wunsch, dass das so weitergeht. Es ist einfach wunderschön, nicht festgelegt zu sein.

Sie haben für die Rolle der Rosa Tirolerisch gelernt. Welcher Aufwand ist nötig, sich das anzueignen?

Das kommt immer ganz auf den Akzent und das Ausmaß des Textes an. Ich fange immer so an, dass ich mir den Text von einem Menschen aus dem jeweiligen Sprachraum auf mein Handy sprechen lasse. Ich gehe jeden Tag joggen, währenddessen höre ich mir dann den Text an. Den Feinschliff vor Drehbeginn mache ich immer mit einem Coach.

Ich glaube, Sie haben 2018 schon vier große Produktionen gedreht. Wie wirken sich — sollte es sie geben — Zeiten des Innehaltens bei Ihnen aus?

Ich glaube, es war sogar mehr (lacht). Ich arbeite sehr viel, aber die Arbeit, weil ich sie ja so sehr liebe, ist mein Quelle. Ich habe wahrscheinlich mehr Energie, wenn ich einen Monat arbeite, als wenn ich nichts tun würde. Wenn ich zwei Tage zusammenhängend frei habe, dann fahre ich nach Hause nach Salzburg. Da ist einerseits die Familie, andererseits die Natur, auf die mein Körper einfach sehr anspricht. Ich schalte automatisch auf Ruhe um, wenn ich die Berge sehe.