Das Heilsversprechen der Medizin als Kunst

Vom Malaria-Antigift zum blitzenden Blau auf der Leinwand: Nitsch-Schülerin Monika Kus-Picco zeigt im Museum Angerlehner in Wels ihre „Medizinbilder“im Großformat

Künstlerin Monika Kus-Picco
Künstlerin Monika Kus-Picco © Museum Angerlehner

Virtueller Ersatz ist gut. Es ist gut, dass es ihn gibt und es ist gut, dass er die kulturärmste Zeit überbrückt. Dass das virtuelle Erleben von Kunst aber auch einen Mehrwert haben kann — das ergibt sich doch eher selten.

So geschehen ist es aber am Mittwoch, als via Zoom-Meeting die Ausstellung „Medizinbilder“ der Wiener Künstlerin Monika Kus-Picco im Hauptraum des Museum Angerlehner in Wels vorgestellt wurde.

Eines vorweg: Diese erste museale Einzelaustellung Kus-Piccos ist derzeit natürlich auch real zu besuchen und wurde bis zum 25. April verlängert.

Die Künstlerin, die an der Universität für angewandte Kunst sowie der Kunstakademie Düsseldorf studierte und Schülerin von Hermann Nitsch war, sprach aus ihrem Atelier in Wien zur virtuellen Zuhörerschaft und offenbarte die Dimensionen ihres Schaffens. Maximal 2 x 3 Meter Fläche hat sie für ihre Bilder, die am Boden entstehen, in ihrer Werkstätte zur Verfügung. Ganz anders dimensioniert sind jedoch die räumlichen Verhältnisse im Angerlehner Museum, dessen Hauptraum mit über 50 Meter Weite ohne Trennwand beeindruckt. „Das gab mir die Möglichkeit, sehr groß zu arbeiten“, sagt Kus-Picco und so entstanden die riesigen Bilder unter freiem Himmel. „Die Arbeit fand auf einer Dachterrasse statt und ich musste immer auf die Wettervorhersage achten.“

Abgelaufene Medikamente als Ausgangspunkt

Noch außergewöhnlicher ist das Ausgangsmaterial, das Kus-Picco seit 2018 verwendet und das gerade heute zusätzlichen Raum für Interpretationen schafft. Die Künstlerin arbeitet mit abgelaufenen medizinischen Produkten, dank Freunden inzwischen aus der ganzen Welt (wo offenbar nicht das sterile Weiß bei Tabletten und Co. dominiert wie in Österreich). Die Medikamente werden pulverisiert, vermischt, verdünnt oder direkt auf die Leinwand aufgetragen, es entstehen chemische Reaktionen, aus Magenta wird Braun, ein Medikament gegen Malaria zeigt sich als intensives Blau, Anti-Durchfallmittel färben schwarz. „Die Farben verbergen ein Geheimnis, die Wirkung des Medikaments und sie versprechen mit ihrer Farbwirkung Hoffnung auf Heilung.“Die unsichtbare Anwendung lässt die Künstlerin in die Namen der Werke einfließen. „Es ist eine Art Forschung ohne wissenschaftlichen Anspruch“, sagt Kus-Picco, derer Bilder auch aus rein ästhetischen Gesichtspunkten wirken, wie Mitarbeiter des Museums berichten. Die Besucher werden auch mit ungewohnten Sinneseindrücken konfrontiert — so überrascht sowohl der Geruch als auch der in der Luft liegende Geschmack der Bilder.

YT
Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Wonach schmeckt der Traum der ewigen Jugend und unzerstörbaren Schönheit? Hauptsächlich aus Nahrungsergänzungsprodukten entstand das Bild „American Beauty“, das beeindruckt und große Welten aufmacht, über die es sich zu sinnieren lohnt.

„Sie hat ein Universum entdeckt“

Ausgangspunkt der ungewöhnlichen Beschäftigung mit Medikation war für Monika Kus-Picco die frühe Erkrankung ihrer Mutter an Alzheimer. Aus dem angesammelten Wissen wurde eine kreative Übersetzung, die vorerst in der Welser Schau gipfelt.

Lehrer Nitsch zeigt sich übrigens begeistert von den Arbeiten seiner einstigen Schülerin, sieht darin ein Weiterdenken eines Teils seiner Arbeit, auf das er selbst nicht gekommen ist. „Das hat noch kein Maler vor ihr gemacht. Sie hat ein Universum entdeckt.“

Von Mariella Moshammer

Wie ist Ihre Meinung?