Winterhoff: „Das ist doch eine Gesellschaft im Wahn!“

Kinderpsychiater Michael Winterhoff über die Coronakrise und was sie mit Bildungsdefiziten (nicht) zu tun hat

VOLKSBLATT: Lange vor der Pandemie warnten Sie vor der epidemischen Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern. Verschärft Corona auch diese Krise?

MICHAEL WINTERHOFF: Die Eltern, die ich hier berate, versuchen soweit möglich Lehrer zu ersetzen, und bringen die Kinder in eine klare Struktur. Wo die Eltern diese Möglichkeit nicht haben, sind Kinder und Jugendliche auf sich gestellt, gehen vermehrt in die digitalen Geräte und bekommen Probleme, weil sie quasi in einer Parallelwelt sind und keine Bewegung mehr haben.

Viele Eltern im Katastrophenmodus

Michael Winterhoff: Nicht die Kinder, sondern Eltern haben ein Problem mit Schutzmasken.
Der in Bonn (Nordrhein-Westfalen) geborene und praktizierende Kinderpsychiater und Psychotherapeut Michael Winterhoff, gilt als profunder Kritiker moderner Pädagogikkonzepte, in denen das Kind als gleichberechtigter Erwachsener behandelt und nicht durch klare Regeln geleitet wird. Winterhoff (66) ortet darin eine Überforderung oder gar emotionalen Missbrauch des Kindes und warnt vor dem Heranwachsen einer „Generation unfreier Narzissten“. Seine zahlreichen Bücher zur Thematik sind Bestseller. Zuletzt erschien 2019 im Gütersloher Verlag „Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“. © Peter Wirtz

Mit welchen Folgen?

Der Lerneffekt kommt natürlich nur bei Begleitung. Die modernen Medien schätzt man dabei völlig falsch ein. Der Präsenzunterricht ist nicht zu ersetzen – höchstens zum Teil durch sich darum kümmernde Eltern. Man muss sehen, dass immer mehr Erwachsene Kinder als lästig empfinden. Für die Eltern, die in der Ruhe sind und über sich selbst psychisch verfügen, für die kann Corona durchaus ein Gewinn sein, in dem man mehr Zeit für die Kinder hat. Für Eltern im Katastrophenmodus ist es kein Gewinn, die empfinden ihre Kinder als nervig.

Diesen Katastrophenmodus führen Sie ja auch auf Überforderung der Erwachsenen durch die Digitalisierung zurück. Corona sorgt aber gerade für einen weiteren Digitalisierungsschub.

Diese Technik geht sehr schnell, gibt uns viel, zu viel Informationen, mehr als das Gehirn verarbeiten kann. Dadurch kommt der Mensch in einen Zustand der Reizüberflutung. Immer mehr Erwachsene haben keinen Zugang mehr zu sich – und damit auch kein Gespür für andere, schon gar nicht für Kinder.

Corona keine Erklärung für die Bildungskrise

Ihr Rezept dagegen?

Die Psyche muss regenerieren können. Schlaf reicht da nicht aus. Man muss etwas tun, bei dem man schweigt und nicht produziert. Eine einfache Möglichkeit sind Waldspaziergänge ohne Handy. Oder sich in eine Kirche setzen. Was wir im Jahr 1995 noch hatten, viel Zeit für uns, das müsste man sich heute wieder erarbeiten. Heute sehe ich Kinder und Jugendliche, die einen psychischen Reifegrad von Kleinkindern haben. Über 50 Prozent der Heranwachsenden in Deutschland sind nach Schulabschluss gar nicht arbeitsfähig.

Sie haben Deutschland „Verdummung” diagnostiziert. Gilt das auch für Österreich?

Österreich betrifft das leider auch, denn es hat sich Deutschland im Bildungswesen als Vorbild genommen. Auch hier ist die Tendenz in Richtung „offen und frei. Schon in Kindergärten fehlen Strukturen und die Kinder entscheiden, was sie machen. Es fehlt das Gegenüber, die Begleitung und Anleitung , das Einüben von Sozialverhalten und Arbeitshaltung. Die Coronazeit sehe ich gar nicht so tragisch. Man muss halt Schülern, die große Lücken haben, nach der Pandemie helfen. Ich befürchte aber, dass man einmal sagen wird, das ist die Loser-Generation, weil es Corona gab. Das ist viel einfacher, als zu sagen: „Wir Erwachsenen haben alles falsch gemacht“.

Corona also missbraucht als Etikett für eine ganz andere Krise?

Wenn man Kinder nicht mehr als Kinder sieht, wenn man meint, sie seien kleine Erwachsene, haben wir Kindheit abgeschafft. Und das heißt, dass diese Kinder nicht Erwachsene werden, die eine Demokratie und einen Sozialstaat leben, wo der Stärkere für den Schwächeren da ist. Vielmehr entsteht eine immer größere werdende Gruppierung, die eben wie Kinder auf Versorgung angewiesen ist.

Kinder haben kein Problem mit Masken

Könnte die Coronakrise nicht auch als Lektion fürs Leben begriffen werden, die dem Nachwuchs anschaulich zeigt: trotz Helikoptereltern läuft nicht immer alles rund?

Das funktioniert nicht. Denn Kinder erleben das gar nicht als handfeste Krise. Viele haben es ja bequemer als vorher. Ich habe Kinder, die jetzt kennengelernt haben, wie schön es ist, im Bett zu bleiben oder mit dem Computer zu spielen. Alles, was an Struktur da war, ist verloren gegangen. Aber das empfinden Kinder nicht als Nachteil, sondern als Gewinn. Die werden aus der Coronakrise auch nicht irgendetwas ziehen können. Da, wo Eltern klar Struktur vorgeben, ist das kein Problem, aber da, wo Eltern dauernd gegen die Maßnahmen wettern, werden Kinder auch dagegen wettern.

Apropos: Traumatisiert Tragen von Schutzmasken Kinder, wie manche behaupten?

Kinder haben überhaupt kein Problem damit.

Wie erklären Sie sich dann den in sozialen Medien ausgetragenen Kampf gegen Maskenpflicht und Corona-Tests in Schulen?

Kinder müssen heute für alles herhalten. Sie dienen zur Projektion: Es wird argumentiert, das Kind wolle keine Maske tragen. Tatsächlich haben die Eltern ein Problem. Ich sehe in meiner Praxis, wie selbstverständlich Kinder Masken tragen. Sie werden nur für Stimmungsmache missbraucht.

Smartphones werden die Menschheit zerstören

Sie sagen, Kinder unter 14 sollten kein Smartphone haben. Geht das nicht völlig an der Realität vorbei?

Es gibt kein Argument, warum Achtjährige ein Handy haben sollten, es gibt nur Argumente, warum sie keines haben sollten. Die Eltern können nicht mehr Nein sagen. Sie müssen dann auch mit den Auswirkungen leben, die ich hier in der Praxis sehe: Was meinen Sie, wie viele Kinder ab dem zehnten Lebensjahr auf Pornos onanieren oder in irgendwelchen Spielen oder Chatrooms sind. Die sind doch völlig überfordert. Das wird für die ein furchtbares soziales Elend werden. Wenn wir Erwachsene nicht bereit sind, da anzuhalten und zu analysieren, woran es liegt, damit wir gegensteuern können, dann ist es eben so. Wir haben in Deutschland in den meisten Bundesländern die Verbundschrift abgeschafft, die Rechtschreibung wird nicht mehr benotet. Wo soll das denn hinführen?

Ja, wohin?

Und dann haben wir noch Leute, die wollen, dass Kinder in der Grundschule aufgeklärt werden über alle sexuellen Praktiken der Erwachsenen mit dem Versprechen, dann werden die tolerant. Das ist doch eine Gesellschaft im Wahn. Und wenn man Achtjährigen Smartphones gibt, ist das fahrlässig. Die Smartphones werden die gesamte Mehrheit zerstören. Der Computer gaukelt uns vor, man könne sofort alles haben. Das ist psychoanalytisch gesehen wie die Brust. Wenn sie einen Menschen entwickeln wollen, geht das nur, indem sie angemessen fordern und auch Nein sagen. Wenn sie aber immer gewähren, werden Sie Menschen haben, die nichts bringen, aber immer nur fordern. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch das nicht checkt und immer weiter in diesen Wahn reinrast, ist sehr hoch – und damit auch das Ende einer Hochkultur.

Mit Kinderpsychiater MICHAEL WINTERHOFF sprach Manfred Maurer

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