Das Judentum in einer mystischen Kammeroper

„Das Tagebuch der Anne Frank“ neuproduziert und berührend aufgeführt von der Bruckneruni

Von Georgina Szeless

Nicht zum ersten Mal fallen von der Bruckneruni für Produktionen gewählte Themen auf. Nicht zum ersten Mal greift auch Vizerektor Thomas Kerbl nach einem bestimmten Werk: Aus aktuellem Anlass wählte er „Das Tagebuch der Anne Frank“ für mehrere Abende aus, wäre doch die 16-jährige, 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordete Verfasserin heuer 90 Jahre alt geworden. Ihr dramatisches Schicksal, in einem Kellerversteck durchlebt in Angst, Isolation, Entbehrung, Verfolgung, Verzweiflung, aber auch Hoffnung ist vielfach aufgegriffen worden. 1969 nahm der russische Komponist Gregori Frid eine Vertonung von Annes Tagebuch vor, die er selbst wiederum überarbeitete. So ist 1999 eine in der Besetzung reduzierte Version der ursprünglichen Fassung für Kammerorchester entstanden. Die Uraufführung fand 1972 im Haus des Komponisten statt.

Nicht einfach zunächst auch der Weg des Monodramas als Kammeroper in die Öffentlichkeit, mittlerweile zählt das Werk zu den meistaufgeführten Musiktheaterschöpfungen. Die Bruckneruni reiht sich wahrscheinlich in die besten Darstellungen ein. Die Produktion ist der erste Beitrag der Bruckneruni als Mitglied der „European Opera Academy“ und wird im Rahmen der gemeinsamen Module als ein Schwerpunkt 2019 verstanden. Neu ist diesmal die Zusammenarbeit mit dem Institut für zeitgenössischen Tanz, was das Thema in seiner Eindringlichkeit auf der kargen Studiobühne mit wenigen Requisiten (Regie/Szene Peter Pawlik) deutlich verstärkt. Gespielt wird die russische Fassung in der deutschen Übersetzung.

Das Leben des Nazi-Opfers wird getanzt und gesungen

Den beiden jungen Damen ist volle Bewunderung für ihr Hineinleben in das Schicksal der Anne auszusprechen. Eszter Petrány widerspiegelt in jeder ihrer Bewegungen und in ihrer Mimik die wechselnden Seelenzustände der Anne, in den schwarzen Kleidchen mit Bubikragen ist sie eine perfekte Kopie von ihr, die von der Sopranistin Stela Dicusura stimmlich wie sprachlich glaubhaft dargestellt wird. Das hauseigene Kammerensemble von zehn Musikern mit solistischen Fähigkeiten spielt Frids zeitlose Musik in ihrer poetischen Lyrik und mystischen Sprache, ob es eine berührende Passacaglia ist oder ein harscher Orchesterausbruch, mit spürbarer Anteilnahme am Geschehen. Die sehenswerte Produktion hat noch zwei Aufführungen an der Bruckneruni (heute und am 14.2.) und einige Gastspielreisen vor sich.