Das Liebesleben der Wühlmäuse

Der Grieskirchner Erzähler Dominik Barta las und sprach im Stifterhaus

In seinem zweiten Roman „Tür an Tür“ durchwirkt das Politische private Befindlichkeiten: Dominik Barta.
In seinem zweiten Roman „Tür an Tür“ durchwirkt das Politische private Befindlichkeiten: Dominik Barta. © Olivia Wimmer/Zsolnay

Dominik Bartas „Tür an Tür“ (Zsolnay 2022) ist ein fabelhafter Roman. Ruhig, sachlich, präzise in Ton und Sprache geschieht Aufregendes. Die große Welt in einem Wiener Genossenschaftshaus gespiegelt, wo der junge Ich-Erzähler Kurt eine Wohnung bezieht. Das anfängliche Wohlgefühl von aufdringlichen Körpergeräuschen des Nachbarn gestört. Doch der erweist sich als durch und durch freundlicher Mensch. Der erste einer Reihe von Kipppunkten im Roman, der raffiniert fragt: Wie gehen Menschen miteinander um?

Dominik Barta, 1982 in Grieskirchen geboren, gelang mit „Vom Land“ 2020 ein viel beachtetes Romandebüt. In „Tür an Tür“ begegnen Leser und Leserin einem Autor, der sich seiner erzählerischen Fähigkeiten schon sehr bewusst ist. Ein Panorama an Figuren, ein feinmaschiges Netz, spannend zu lesen mit „Cliffhangern“ wie in einem Kriminalroman. Wie geht’s weiter? Das Buch hat einen schnell gefangen.

Am Dienstag las Barta im Linzer Stifterhaus und sprach mit dem in Wien lehrenden Literaturwissenschafter Arnulf Knafl. Barta über sein Schreiben, das „extrem aus der Reflexion“ komme: „Ich denke gerne nach, was passiert, und komponiere dann.“ In verblüffender Weise entstehen aus der Reflexion enorm lesbare Texte. „Die Handlung ist zentral, es muss etwas passieren“, sagt Barta. Deshalb sehe er sich als „Erzähler“: „Das ist wie eine Schnur zu spannen und durch den Text schnalzen zu lassen.“

Das Verfahren kenntlich gemacht an der Figur der Regina, einer Nachbarin von Kurt. Eine witzige, schlaue Biologin („nur wir verwirklichen das neue Leben. Biologie ist ein weibliches Geschäft“), die am Sexualverhalten von Wühlmäusen forscht: Warum lebt eine Art monogam, aber eine andere frönt der freien Liebe? Lieben Wühlmäuse? Eine Pointe naheliegend, der in Beziehungsfragen noch suchende Kurt ordentlich von Regina gepiekst (und aus seiner Schüchternheit geholt).

Das Politische

In der Figur der Yasmina hält die beunruhigende Weltpolitik Einzug in den Roman. Yasmina eine Wienerin mit libanesischem Vater, schon seit Jahren mit Kurts engem Kindheitsfreund Frederik verbandelt. Frederiks Wünsche nach bürgerlicher Familiengründung weist Yasmina zunehmend brüsk zurück: die Sehnsucht nach privatem Glück ein schäbiger Egoismus angesichts (Flüchtlings-) Elend und Unruhen nicht nur im Libanon.

Der Leser purzelt von Wiener Beziehungsgeplänkel in große Fragen. Barta nennt es im Gespräch „das Politische schlechthin. Wer ist mein Nächster? Für wen bin ich verantwortlich? Wo ist die Grenze gezogen, die den anderen zum ‚Anderen‘ macht?“ Die Nähe und die Ferne, sagt Barta, „das ist die politische Grundfrage, die mich fasziniert“.

Barta ein belesener Mensch, aktuelle politische Diskurse flossen schon in „Vom Land“ ein. Ein viel strapaziertes Modewort mit langer Historie ist das „Autochthone“. Einst fühlten sich die Athener den Spartanern überlegen, weil sie ihrer Meinung nach direkt von der Erde („Chthon“) kämen. „Aber wir wissen“, schlägt Barta einen gedanklichen Haken, „wir kommen aus der Mutter“. Das sei – Haken rückwärts zur Figur Regina – „das anarchistische Moment der Biologie. Der Mensch von der Mutter her gedacht widersetzt sich dem Diskurs, der sich auf Territorien beruft.“

Von Christian Pichler

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