Das Nest war schmutzig

Hermann Beil las in Altmünster Thomas Bernhards „Auslöschung“

Las in der Pfarrkirche von Altmünster: Hermann Beil
Las in der Pfarrkirche von Altmünster: Hermann Beil © Rudi Gigler

Der Erzähler blickt auf die Piazza della Minerva in Rom und denkt und schreibt auf, was er denkt. Im zweiten Teil steht er vor der Gruft, worin sich die verunfallten Eltern und der ältere Bruder befinden. Er denkt und schreibt auf. Zu lesen ist das auch noch ungeheuerlich unterhaltsam. Durch Thomas Bernhards Sprache, Melodie, den Witz und die Intensität.

„Auslöschung“, Bernhards zentrales Werk, erschien 1986. Was in den frühen Romanen „Frost“ oder „Verstörung“ noch hinter Depression und Irrsinn verborgen, bricht sich später in „Auslöschung“ Bahn. Der Erzähler heißt Franz-Josef Murau, ein mehrfach bedeutungsvoller Name. Wie eine Mure wälzt sich braune Vergangenheit in eine Gegenwart, als sich Österreich noch gemütlich in der Opferrolle suhlte. „Nestbeschmutzer“ Bernhard? Das Nest selbst war schmutzig.

Hermann Beil, ein Drittel des legendären Theaterkleeblatts mit Claus Peymann und Thomas Bernhard, las am Mittwoch bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden aus „Auslöschung“. Der Ort raffiniert gewählt, die Pfarrkirche in Altmünster. Engel, Heilige und Märtyrer Zeugen einer Attacke auf den „katholisch-nationalsozialistischen Geist“ in der dunkelsten Epoche des Landes und danach.

Der „größte Übertreibungskünstler“, wie er sich ironisch nennt, zeichnet mit fetten Strichen. Das Exil Rom, mit ihm die „große Dichterin“ Maria (Bernhards Verbeugung vor Ingeborg Bachmann), der Ort des Geistes und der Kultur. „Stumpfsinn“ hingegen in Schloss Wolfsegg, im Hausruck gelegen. Während der braunen Herrschaft war dort quasi Partytime, Erzbischöfe und Gauleiter gaben sich die Klinke in die Hand. Unter die Räder kam durch elendes Denunziantentum Alois Schermair, eine reale Figur. Die Republik, so Bernhard im Roman, scherte sich nach dem Krieg nicht um Schermairs Trauma und hätschelte lieber „Massenmörder“.

Würdig und kraftvoll

Hermann Beils Stimme klingt brüchig, als er mit verhaltenem Zorn Schermairs Schicksal beklagt. Aber sonst steht Beil aufrecht, die Arme baumeln entspannt, aus seiner Brust strömt würdig und kraftvoll der Text. An markanten Stellen (und bei „naturgemäß“!) stößt er sich in der Luft ab und öffnen sich die Hände zu kleinen Sonnenschirmen. Beil treibt den Spott voran, als sich die Gesellschaft zum Begräbnis trifft. Komödie und Abgrund, „Weinflaschenstöpselfabrikant“, was für ein Wort!

Eine Stunde Ansprachen an der Gruft, auch von „Blutordensträgern“, die Murau in seinem Entschluss nur noch festigen. Er vermacht Schloss Wolfsegg als „völlig bedingungsloses Geschenk“ der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Herzlicher Applaus für Beil, großer Abend.

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