Das „Pucherl“ ist 60

Vor genau sechs Jahrzehnten rollten die ersten Exemplare des „großen kleinen Wagens“ aus den Schauräumen auf die Straßen Österreichs.

45
Puch-Club-Salzburg-Stand auf der Classic Expo: Der gelbe und der rote Flitzer (Puch IMP 700) sind zwei von nur mehr vier existierenden Coupes auf Puch-Basis. Sauteuer, super selten. © vo

Von Andy Hörhager

Sein Ahn war Italiens legendärstes Automobil, und einer der meistverkauften Kleinwagen aller Zeiten. Der Fiat Cinquecento. Ab Mitte 1957 rollten aus der Turiner Automobilfabrik Lingotto die zweizylindrigen „Knutschkugeln“, eine groß angelegte Werbekampagne sollte den 500er zum Verkaufsschlager machen. Doch das Baby von Fiat-Designer Dante Giocosa wollte nicht so recht das Krabbeln lernen. Erst etliche Rennerfolge des vom Wiener Carlo Abarth kräftig auffrisierten Wägelchens in der Halbliterklasse ließen die Italiener neugierig werden und ab Herbst ‘57 zur bereits aufgebesserten Version des Cinquecento greifen.
Mit insgesamt mehr als 3,7 Millionen verkauften Exemplaren trug der kleine Fiat wesentlich zur Motorisierung Italiens bei, dank günstiger Verkaufspreise bis Verkaufsende 1977 war der 500 idealer Stadt-, Zweit- oder gar Drittwagen.

Der steirische 500er

Das gelungene Fahrzeugkonzept blieb auch im Ausland nicht verborgen, bei NSU in Deutschland etwa entstanden verschiedene Modelle des Fiat in Lizenzproduktion. Im September 1957 rollte auch in Graz-Thondorf die Lizenzproduktion an. Drei Jahre zuvor war bei Steyr-Daimler-Puch der Beschluss gefallen, in Österreich 20 Jahre nach dem Steyr Baby wieder einen Kleinwagen zu bauen. Eine komplett eigenständige Konstruktion hätte sich der Konzern bei allem wirtschaftlichen Aufschwung nicht leisten können, so blieb die Partnerschaft mit Fiat als sinnstiftender Ausweg.

Billig, robust und wendig

Der steirische 500er hatte jedoch mit seinem piemontesischen Vorfahren nur einen Großteil der Karosserie gemein. Das Fahrzeugheck war komplett modifiziert, denn unter der rückwärtigen Motorhaube werkelten nicht der Parallel-Twin aus Turin, sondern Hinterachse, Getriebe und Triebwerk „Made in Austria“. Der ebenfalls luftgekühlte, flach bauende Zweizylinder-Boxermotor bot trotz besserer Leistung (16 bis 20 PS) und Laufruhe sogar günstigere Verbrauchswerte.

1,8 Liter auf 100 Kilometer

So schaffte ein Pucherl bei einer Verbrauchswettfahrt in den 50er Jahren mit nur 1,8 Litern Benzin eine Strecke von 100 Kilometern. Zum Vergleich: Der Volkswagen-Konzern kam mit seinen Drei-Liter Autos Lupo und Audi A2 übrigens gut 40 Jahre später auf den Markt.
Dazu war die Dachlinie weniger steil abfallend, was, in Verbindung mit der tiefer angebrachten Rückbank, aus dem Pucherl einen „vollwertigen“ Viersitzer machte, während beim italienischen Vorbild bestenfalls Kleinkinder oder Gepäckstücke hinter den Vordersitzen halbwegs Platz fanden.
Doch damals, in den 50ern, hatte die Welt (und ihre Menschen) eben noch andere Dimensionen. Wer einmal auf einem Lohner-Roller die Alpen überquert hatte, oder tagtäglich auf einer „Stangl-Puch“ MV 50 zu seinem Arbeitsplatz fuhr, für den war ein geschlossenes Fahrzeug mit Dach und Belüftung eine tolle Errungenschaft.
Auch Handwerker und Kleingewerbetreibende wussten die günstigen Anschaffungs- und Unterhaltskosten zu schätzen, zudem die Vielseitigkeit der auf der „Giardinera“ von Fiat und später Autobianchi basierenden Kombiversion.
Schon bald werteten die Grazer den Zwerg als Modell 700 mit einem größeren Motor auf, mit 20 oder 25 PS aus 643 Kubikzentimetern ging mit dem 500 Kilogramm leichten Pucherl ab den 60er Jahren die Post ab.

Gefürchtetes Rennsemmerl

Ähnlich der „Abarthigen“ Rennsemmerln südlich des Alpenhauptkammes fanden auch in Österreich zahlreiche Sportversionen ihren Weg auf die Siegerstockerl bei Rennveranstaltungen wie etwa den legendären „Grenzland“-Bergrennen von Bad Mühllacken ab 1967.
Der Puch 650 TR II mit Doppelvergaser und seinen bis zu 41 Pferdestärken war alsbald ebenso legendär wie bei der rasenden Konkurrenz gefürchtet. 1966 war sogar ein Rallye-Europameistertitel bei den Tourenwagen Lohn der Angst.

Einsatz im Staatsdienst

Selbstredend fanden die Pucherl auch im Staatsdienst, bei Einsatzkräften, Post, Bundesheer oder Automobilklubs großen Anklang. Billig, robust und wendig waren die kleinen steirischen Löwen bald das Maß aller fahrbaren Dinge.
Für exakt 26.500 Schilling abzüglich 5 Prozent Behördenrabatt (bei Abnahme von 25 Stück, wohlgemerkt) erstand die Exekutive Salzburg jenes Exemplar, das bei der Classic Expo Salzburg jüngst zu sehen war, Blaulicht und Gendarm inklusive. Heute bewegt Viktor Allnoch, Obmann vom Steyr Puch Club Salzburg, das Kombi-Pucherl zu Puch-Treffen und Ausfahrten, in geringerem Einsatztempo, versteht sich.
60 Jahre nach ihrem „Stapellauf“ sind toprestaurierte Fahrzeuge mit Historie längst in einer Preislage, die den oben genannten Schilling-Beträgen entspricht. Leider in Euro. Dennoch sind die Überlebenden der knapp 60.000 gebauten Puch 500 dank überschaubarer Technik, legendärer Zuverlässigkeit und garantiertem Fahrspaß, der die bescheidenen Ausmaße des Fahrzeuges bei weitem übersteigt, ideale Objekte der Begierde für Oldtimerfans.
Bei allen Fragen und Begehrlichkeiten zu den „Knutschkugeln“, „Rennsemmerln“ oder „Kraftzwergen“ aus Thondorf helfen die Experten aus Salzburg unter www.steyrpuchclub.at oder aus Grieskirchen (www.puchklub.at) gerne weiter.