Das Schicksal ist eine Eierspeis

Heinrich Steinfests neuer Roman „Der Chauffeur“ ist wieder unerwartbar, aber auch (zu) künstlich

Autor Heinrich Steinfest
Autor Heinrich Steinfest © Burkhard Riegels

Seine „Büglerin“ war eine faszinierende Person. Undurchsichtig und anziehend auf diese nicht erwartbare Weise. Nun entlässt Autor Heinrich Steinfest eine neue literarische Figur ins Leben, einen „Chauffeur“.

Auch den treiben unvorstellbare Wendungen an. Zufall, Schicksal, das alles greift zu wenig für die Welt, die Steinfest, der 2018 mit „Die Büglerin“ für den Österreichischen Buchpreis nominiert war, entstehen lässt. Auch für den Deutschen Buchpreis war der Autor bereits mehrfach nominiert, den Bayrischen erhielt er 2016.

Nur kurz hat die Hauptfigur ihren titelgebenden Beruf inne. Ein verheerender Unfall bestimmt von nun an das weitere Geschehen, auch das neue Tätigkeitsfeld von Paul Klee – ja, die Namensgleichheit bügelt der Autor mehrfach in seinem Buch breit. Doch es wäre nicht Heinrich Steinfest, wenn dies auch nur in irgendeiner erwartbaren Art und Weise geschehen würde. Schuld und Aufarbeitung passieren hier nicht linear, wie eine über jede Dimension hinausgewachsene Maschine mit Abermillionen Zahnrädern erscheint die Welt. Fäden spinnt der Schriftsteller für jeden Sterblichen, wie einst die Moiren, die Schicksalsgöttinnen.

Zuerst verschlägt es Klee in die Arme von Inoue Sander, einer deutsch-japanischen Immobilienmaklerin, mit der er seinen lange gehegten Traum eines kleinen Hotels umsetzt. Dem geruhsamen Leben, dass da im deutschen Nirgendwo nachgegangen werden könnte, kommt eine Ungeheuerlichkeit dazwischen, die hier natürlich nicht verraten werden kann. Nur soviel sei erwähnt: Den Helden verschlägt es schließlich nach Österreich. Hier vereint, wie auch schon in „Die Büglerin“, der Autor die zwei bis drei Herzen, die möglicherweise in seiner Brust schlagen. Geboren in Australien, wuchs Steinfest in Wien auf, jetzt lebt er in Stuttgart. Fans seiner Bücher finden auch durchaus Verweise auf andere seiner Werke.

In „Der Chauffeur“ geraten seine Figuren diesmal allzu künstlich. Nichts lässt sie ehrlich straucheln und versagen, alles ergibt so unglaublich viel Sinn, einen Alltag haben sie scheinbar nicht zu bewältigen, alles erreicht höhere Sphären, jede Eierspeis wird Ausgangspunkt philosophischer Überlegungen. Die Charaktere werden endgültig zu Überlegenen, als auch jede Handlung zweier Kinder aus einem — im wahrsten Sine der Wortes — außerirdischen Kunstverständnis erwächst. Einem so fremde Menschen werden (oder bleiben) dem Leser leider am Ende auch egal.

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Dazu kommt eine Sprache, die teils wunderbar fließt und sich in Details vergräbt, deren redundante Verwendung aber auch immer wieder Stolpersteine für den Leser produziert.

Ein sogenannter „Pagerturner“ ist „Der Chauffeur“ aber dennoch, also ein Buch, dass man kaum wegzulegen wagt, ahnt man doch schon nach ein paar Seiten, dass wohl jede neue Wendung eine unerwartete sein wird.

Heinrich Steinfest: Der Chauffeur, Piper. 256 Seiten, €22,70

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