Das wilde und intensive Leben

Uraufführung: „Eurydike*Orpheus“ von Baum/Feik im Theater Phönix

Von der olympischen Verkuppelungsshow hinab in die frivole Hölle: Im Vordergrund Nadine Breitfuss und Stefan Parzer
Von der olympischen Verkuppelungsshow hinab in die frivole Hölle: Im Vordergrund Nadine Breitfuss und Stefan Parzer © Helmut Walter

Kein Deal ohne Kleingedrucktes. Orpheus darf sich auf dem Weg aus der Unterwelt nicht nach Eurydike umdrehen. Was tut er? Loser! Die Götter triumphieren, auch der Held Orpheus ein fehlerhaftes Wesen.

Hat schon jemand gefragt, wie es Eurydike bei der Chose erging? Sarah Baum (Text) und Daniel Feik (Musik) holen das nach. Das Autorenduo schreibt nicht bloß das (übrigens hochspannende) Finale des antiken Mythos neu, sondern entblättert fabelhaft seit Ewigkeiten tradierte Bilder von Held/Mann/Mensch (die Begriffe in der Antike synonym). Und das ohne jeden Krampf, hinterfotzig und unterhaltsam.

Quirliges Musical, Bling-Bling mit reichlich Tiefgang und tolle Gesangseinlagen mit üppigen Arrangements. Uraufführung von „Eurydike*Orpheus“ war am Donnerstag im Linzer Theater Phönix, das Ensemble in beglückender Partnerschaft mit dem freien Kollektiv Das Schauwerk.

Der Auftakt eine mega Verkuppelungsshow, Entertainment stützt wie eh und je den Status Quo. Der Chor huldigt den Mächtigen, preiset den Olymp! Das TV-Publikum lechzt nach inszenierten privaten Seiten der Stars, zum Glücklichsein verdammt sind Eurydike und Orpheus. Sie die wunderschöne Nymphe, er betört mit seiner Stimme sogar Vögel. Aber jetzt ist der Held müde von dem ganzen Tamtam, kaum ein Busserl lässt er sich von Eurydike abringen.

Sie will mehr. Mehr als Orpheus´ Projektionsfläche und Puppe sein. Intensität und wildes Leben. Eurydike verirrt sich in die Unterwelt. Die ist eine sexy Hölle mit knackigen Ledertypen. Eurydike schmust mit Persephone, der Toten- und eben auch Fruchtbarkeitsgöttin. Orpheus trudelt ein, der Held stört. Gute Haut, die Eurydike ist, folgt sie ihm zurück in die Welt des Lichts. Aber das Ende kommt anders.

„Schicksal“ existiert nicht

Wer bist du? Der ultimative Song des Orpheus erschreckt sogar ihn selbst. Ein Spiegel in unzähligen Splittern, kein „Schicksal“, das einen Menschen in seiner Existenz festzurrt. Regisseurin Anja Baum setzt diese Idee konsequent um, acht Schauspieler switchen zwischen den Rollen. Orpheus ist Eurydike, ist auch ein Kopf des dreiköpfiges Untieres Cerberus, was zu putzigen Szenen führt.

Überlebt hat die Figur des Helden in sinistren Führern der Gegenwart. Inszenierte männliche Körper, in denen mörderisch infantile Charaktere schlummern. Subtexte dieser Art liefert „Eurydike*Orpheus“ reichlich. Man kann sich auch nur an der Finesse, Gesangs- und Spielfreude des Ensembles erfreuen. Tosender, minutenlanger Beifall nach 90 Minuten.

Von Christian Pichler

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