Das Wunder ihrer Stärke

Stifterhaus: Rosa Gitta Martls über ihre Sinti-Familie

Rosa Gitta Martl beeindruckte im Linzer Stifterhaus.
Rosa Gitta Martl beeindruckte im Linzer Stifterhaus. © StifterHaus/Six

Die Volksschule im heutigen Linzer Posthof. In der Pause redeten die Kinder über das bevorstehende Wochenende bei den Großeltern, bei der Tante. Das Mädchen verwirrt, es fragt zuhause nach. „Wo sind meine Onkeln und Tanten?“

Der Vater: „Wir haben keine.“ Sie fand das „furchtbar“, sagte Rosa Gitta Martl am Dienstag im Linzer Stifterhaus (Moderation: Ludwig Laher). „Das war ungerecht für mich — nur weil wir schwarze Haare haben und im Wohnwagen leben.“

Klare Sprache, wo Worte eigentlich versagen

Ein Abgrund tut sich auf. Wie sich etwa ihre Eltern bei sogenannten Todesmärschen kennengelernt haben, darüber schreibt die 1946 in Linz geborene Martl in „Bleib stark“ (edition pen Löcker). Gegen Kriegsende Richtung Ostsee, die Sinti unbarmherzig angetrieben, ein Schiff sollte sie abholen.

Das Gerücht, sie werden ertränkt. Flucht, „lauft!“, ruft die Mutter den anderen Frauen zu. Kugelhagel, von der anderen Seite Russen. Eine Nacht im Stadel, betrunkene Soldaten, „wo Frau, wo?“ Vier Frauen aus dem Heu gezerrt.

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Wörter versagen, doch Martl findet in „Bleib stark“ zu einer einfachen, klaren Sprache. Die Autorin gesundheitlich angeschlagen, strahlt sie dennoch wunderbare Kraft und Freundlichkeit aus. Die Empathie im Buch spürbar, wenn sie über ihre ausgelöschte Familie schreibt. Der Großvater, „Tata“, ein Bild von ihm als junger Soldat im Rock des Kaisers. 1941 im Morgengrauen abgeholt, „seine Schreie nach Frau und Kindern verhallten ungehört“. Es zerreißt einem das Herz.

Auch nach Kriegsende 1945 waren Roma und Sinti in Österreich wenig erwünscht (Anerkennung als Volksgruppe 1993). Martl schreibt über behördliche Demütigung von traumatisierten Heimkehrern: „Es kann doch gar nicht sooo schlimm gewesen sein, den Kopf haben Sie ja noch oben“, „Wo sind Ihre Papiere, (…) die Papiere der Eltern, wo, wo, wo?“

Für eine junge Frau in den 1960ern in Linz ungewöhnlich, besuchte Martl die Kunstschule. Sie erzählt: Durch einen Zeitungsartikel wurde publik, dass ihr Vater „Hausierer“ sei. Die Direktorin bestellte sie zu sich, es sei anderen „nicht zumutbar“, mit ihr in einer Bank zu sitzen. Rauswurf, kurz vor Ostern.

Martl war langjährige Geschäftsführerin des Vereins Ketani für Sinti und Roma, ihr künstlerisches Werk umfasst bildnerische und literarische Arbeiten. Späte Würdigung: 2007 Willemer-Preis, 2013 goldenes Verdienstzeichen der Republik Österreich, 2019 Roma-Literaturpreis des österreichischen P.E.N.-Clubs.

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