Das Wunder von Wullowitz

Als Bub hatte er an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze Höllenängste ausgestanden. Daher war es für Josef Ratzenböck nicht nur die Erfüllung eines politischen Traumes, sondern auch die Befreiung von einem Kindheitstrauma, als er am 11. Dezember 1989 bei Wullowitz den Eisernen Vorhang durchschneiden durfte.

Ein Wunder: Josef Ratzenböck 30 Jahre danach mit dem Stacheldrahtstück, das der damalige Landeshauptmann am 11. Dezember 1989 mit seinem Stellvertreter Grünner aus dem Eisernen Vorhang geschnitten hat. © Maurer

In seinem Lehnsessel im Wohnzimmer hält Josef Ratzenböck ein Stück Stacheldraht in der Hand. Seine Gedanken schweifen aber nicht bloß zurück ins 1989er Jahr, das ihm als Landeshauptmann von Oberösterreich die Teilnahme an einer welthistorischen Zäsur und eben dieses drahtige Erinnerungsstück beschert hat.

Der 90-Jährige blickt mehr als 80 Jahre zurück. Damals, noch vorm „Anschluss“ Österreichs und der Einverleibung des Sudetenlandes durch Hitler-Deutschland 1938, haben die Ratzenböcks aus Neukirchen am Walde mit dem kleinen Pepi gelegentlich im südböhmischen Kladen (Kladné) Verwandte großmütterlicherseits besucht.

Kindliches Grenztrauma

Dazu musste die Grenze passiert werden. Das war bei der Hinfahrt kein Problem. Bei der Heimfahrt dagegen für den noch keine zehn Jahre alten Pepi aber schon. Denn auch damals waren Textilien drüben billiger als herüben. Also bekam der Bub in Kladen ein Hemd, das er aber gleich anziehen musste, damit sich die Eltern den Zoll sparen konnten.

„Ich habe Todesängste erlitten, dass uns die Zöllner beim Schmuggeln erwischen“, erinnert sich Ratzenböck an einen „bleibenden Schaden, den ich damals davongetragen habe“. Das habe „sicher dazu beigetragen, dass ich in meinem ganzen Leben gegen Grenzen in Europa aufgetreten bin“.

Auf ewig geteiltes Europa

Die Weltpolitik kümmerte sich nicht um das Grenztrauma eines kleinen Buben und dessen Traum von der Grenzenlosigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Trennlinie zwischen Österreich und der CSSR brutaler als je zuvor. Der Politiker Ratzenböck fügte sich in das scheinbar unabänderliche Schicksal Europas als ein von Mauern, Stacheldrahtzäunen und Todesstreifen durchzogener Kontinent: „Für uns hat gegolten, dass der Eiserne Vorhang auf unabsehbare Zeit bleiben wird und seine Beseitigung nur durch einen Krieg erfolgen wird.“ Und den wünschte sich niemand.

Eine Notlüge wird wahr

Selbst als mit Michail Gorbatschow in Moskau der neue Perestroika-Wind wehte, blieb unvorstellbar, dass dieser den Eisernen Vorhang wegblasen könnte. Die politischen Beziehungen über den Zaun hinweg entspannten sich immerhin soweit, dass oberösterreichische Politiker nach Budweis fahren und CSSR-Politiker zum Meinungsaustausch nach Linz kommen konnten. Aber die Weltordnung des Kalten Krieges stand höchstens im inoffiziellen Bürgerkontakt zur Debatte. Ratzenböck erinnert sich an so einen Besuch in Südböhmen, wo ihn ein alter Mann fragte, ob er so wie in seiner Jugend jemals wieder nach Freistadt radeln würde können. „Ja, das wird wiederkommen“, hat Ratzenböck zu dem Mann gesagt, um ihm nicht auf seine alten Tage die Hoffnung zu nehmen, „aber geglaubt habe ich es selber nicht“.

Unvorstellbares geschieht

Das war kurz vorm 11. Dezember 1989. An diesem Tag, es schneit leicht, machen sich in Linz Landeshauptmann Ratzenböck, sein Stellvertreter Karl Grünner und Bürgermeister Franz Dobusch auf den Weg nach Norden. Seit dem Fall der Berliner Mauer war absehbar, dass sich auch hinter der toten Grenze im Mühlviertel etwas tun würde. In Prag gibt es schon Massenproteste, auch in Budweis formiert sich das „Obcanske Forum“, das Bürgerforum, gegen die Kommunisten.

Die Handelskammer in Linz drängt schon auf den Weiterbau der Mühlkreisautobahn bis zur Grenze, weil die CSSR den Ausbau der Autobahn nach Wullowitz zugesagt habe. Wullowitz ist an diesem Tag auch das Ziel der Linzer Politiker. „Beim Hinfahren war ich noch nicht sicher, ob das tatsächlich stattfindet“, blickt Ratzenböck zurück auf seine Zweifel an der Realität, die sich da vor ihm auftut. Doch dann steht der Landeshauptmann mit einem Bolzenschneider am Grenzzaun und zwickt gemeinsam mit Grünner und dem südböhmischen Kreisausschussvorsitzenden Mrisolav Senkyr dieses Stück Stacheldraht heraus, das er als Andenken mitnehmen wird. Hier an dieser Stelle hatte es in den Jahrzehnten davor viele Fluchtversuche gegeben, von denen einige tödlich endeten.

Er habe das Durchschneiden des Eisernen Vorhanges wie in einem Traum wahrgenommen, sagt Ratzenböck 30 Jahre danach. „Es ist etwas geschehen, das wir für unmöglich gehalten haben. Ich dachte: ich bin Teilnehmer an einem Wunder.“ Für den Altlandeshauptmann ist der 11. Dezember 1989 „das Ereignis meines Politikerlebens“.

Enttäuschte Hoffnungen

Die Euphorie dieser Tage klingt in den Schilderungen des Altlandeshauptmann noch heute durch. Er gehört nicht zu denen, die das historische Ereignis nur an den (zu) großen Erwartungen messen, die es damals auch gab. Ratzenböck war angesichts der Proteste gegen das Prager Regime zuversichtlich gewesen, dass das seit 1987 in Temelin gebaute Atomkraftwerk niemals fertiggestellt werden würde. Der Reformwille in der CSSR mache vor dem Thema Atomkraft nicht halt, daher sei auch die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes in Temelin infrage gestellt, hatte Ratzenböck in den Tagen der Wende erklärt.

Es kam anders. So wie auch für die vertriebenen Sudetendeutschen, die bis heute auf eine Aufhebung der Benes-Dekrete warten. „Unsere Wünsche waren nicht immer auch die Wünsche der Tschechen, das hat sich aber erst im Lauf der Zeit herauskristallisiert“, sagt Ratzenböck, lässt sich aber seinen Optimismus nicht nehmen: „Irgendwann einmal wird Temelin zugesperrt!“

Dafür wird es dann wieder eines politischen Wunders bedürfen…

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