David und die Medusa grüßen …

Das Kunsthistorische Museum zeigt bis 19. Jänner 2020 „Caravaggio & Bernini“

Michelangelo Merisi da Caravaggio, David mit dem Haupt des Goliath
Michelangelo Merisi da Caravaggio, David mit dem Haupt des Goliath © KHM-Museumsverband

Von Renate Wagner

Jener Michelangelo Merisi (1571-1610), der als Caravaggio berühmt wurde, war eine Herausforderung für seine Zeitgenossen und ist ein nicht endendes Faszinosum für die Nachtwelt. Das liegt an seinem wilden Privatleben, wo von dauernden Auseinandersetzungen, Flucht und sogar Mord die Rede ist, wie auch an seinem Werk, das mit Realismus und bis dato ungeahnten Lichteffekten eine Welt schockierte, die noch an die glatte Schönheit und den Glanz der Renaissance gewöhnt war.

Die Entdeckung der Moderne

Das Kunsthistorische Museum zeigt nun eine Ausstellung, die Caravaggios Malerei mit den Skulpturen von Gian Lorenz Bernini (1598-1680) zusammenführt, jenem barocken Universalkünstler, der für die Gestaltung des Petersplatzes berühmt geworden und mit zahlreichen seiner Skulpturen vertreten ist. Der Untertitel „Entdeckung der Gefühle“ fasst das Thema breiter. Um das barocke Rom in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geht es — und um das, was Kunsthistoriker die „Entdeckung der Moderne“ nennen.

Das KHM besitzt selbst drei Caravaggio-Hauptwerke und hat um Leihgaben aus aller Welt ergänzt. Schon im ersten Raum grüßt der „David“ des Künstlers, der das Haupt des Goliaths in der Hand hält (dabei soll es sich um ein „verstecktes“ Selbstporträt des Malers handeln). Um 1600 entstanden, wird das Gemälde von zwei weiteren flankiert, die im ähnlichen Zeitraum entstanden sind und dasselbe Thema behandeln, von Tanzio da Varallo und Valentin de Boulogne.

Solche Vergleiche durchziehen die ganze Ausstellung, die immer wieder Themenschwerpunkte setzt, sich mit der Gefühlsskala von Ekstase bis Entsetzen befasst. Caravaggios Werke stehen im Zentrum — und, das muss auch gesagt werden, nicht alle Kollegen schwingen sich auf seine künstlerische Höhe. Aber sonst wäre er ja auch nicht der Unvergleichliche seiner Epoche.

Auch im ersten Raum grüßt ein Medusenhaupt von Gian Lorenz Bernini mit dem gleichen Effekt, dass dieser Künstler beweist, welche Lebendigkeit jene Epoche erzielte, die man später „Barock“ nannte und die Caravaggio als Bannerträger anführte. Von ihm sieht man nicht nur das hauseigene, riesengroße Altargemälde der „Rosenkranzmadonna“. Dass er in der Themenwahl kühn war wie kaum einer, beweist ein strahlend junger, nackter Johannes der Täufer oder auch der „Knabe, von einer Eidechse gebissen“ — das schöne Gesicht plötzlich in Schmerz verzerrt.

Man sieht auch Werke, die seine außerordentliche Darstellung menschlicher Emotionen klar machen wie der meditierende Heilige Franziskus und seiner Maria Magdalena (von der es nur noch eine Kopie eines Zeitgenossen gibt) hat das Museum eine bisher unbekannte „Maria Magdalena in Ekstase“ der Artemisia Gentilesci zur Seite gestellt, sichtlich aus dem Geist des Caravaggio entstanden. Wie so manches andere auch von berühmten Zeitgenossen (Ludovico Carracci) und Nachfolgern (Guido Reni oder Nicolas Poussin). Wer zählt die Namen?

So blättert die Wiener Ausstellung ein breites Panorama von Themen auf und schärft das Auge des Betrachters für Gestaltungsmöglichkeiten, wobei es immer wieder die Kühnheit Caravaggios und die Gestaltungskraft Bernini ist, an denen man hängen bleibt.

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