Dem Sinn des Lebens auf der Spur

Erschütterndes Zeitdokument online: Oper „Spuren der Verirrten“ von der Welturaufführung zur Eröffnung des Musiktheaters am 12. April 2013

Chor
Chor © Ursula Kaufmann

Acht Jahre nach der Eröffnung des Linzer Musiktheaters mit der Uraufführung der Philip Glass-Oper „Spuren der Verirrten“ am 12. April 2013 hat das Linzer Landestheater dessen Online-Premiere am Samstag im Netz als Erinnerung angesetzt. Was hätte besser gepasst in die gegenwärtige Situation der Pandemie, die heute die Menschen herausfordert wie noch nie und Parallelen aufweist zu Peter Handkes gleichnamigem Stück, aus dem der damalige Intendant Rainer Mennicken ein packendes und passendes Libretto verfasste. Es beschreibt Grundsatzfragen des Daseins, die die menschliche Existenz betreffen nach dem Verlust des inneren Friedens.

Sehen und Staunen gewinnt die Oberhand

Die Spuren der Figuren führen in eine Welt, die ziellos ist und kein Ende findet. Ziehen wir derzeit nicht auch als Verirrte umher? Am Schluss stellt sich heraus, dass die Zeit vorbei ist und wir nicht wissen, wo wir sind. Nur, dass wir einer perspektivlosen Zukunft entgegengehen. Die kollektive Sinnsuche der Menschheit hat uns Handke vor Augen geführt.

Wer das Stück kennt, wird sich leichter tun, die ergreifenden Szenen der dreiaktigen Oper zu verstehen. Das Sehen und Staunen gewinnt in der Produktion die Oberhand. Denn, was die Regie des erfahrenen David Pountney in Abstimmung mit den minimalistischen Klängen von Glass und dem avantgardistischen Text auf die mit 200 Darstellern besetzte Bühne bringt, ist eine kolossale Herausforderung für alle geistigen Kräfte. Samt dem Schlussgag, wenn die Musiker auf der Bühne spielen und Schauspieler, Tänzer und Sänger in den Orchestergraben abtauchen.

Das Bruckner Orchester unter Dennis Russell Davies lief zu höchster Form auf und schien die Stimmung gleich allen Mitwirkenden zu genießen. Dabei sind die Bilder so schrecklich wie schön, die Menschen aus dem Alltag so brutal wie emotionsstark, die Kostüme (Robert Israel) so schrecklich zerrissen wie elegant von der Straße, dass einem die Gegensätze stellenweise Schauer über den Rücken jagen.

Alles wird tanzend illustriert und gedeutet

Einen faszinierenden Beitrag dazu leistet auch das Tanzensemble. Es wird alles illustriert oder symbolhaft gedeutet von einer Gesellschaft, in der sich Täter und Opfer aus der Religions- und Kulturgeschichte befinden, Kriegsszenen gezeigt werden, ein Irrenhaus, ein Hase und andere Tiere auftauchen, und das alles umrahmt von einem Solistentrio: der Dritte, der Zuschauer und der Protagonist. Und von einem Großaufgebot an Chören wie Hauschor, Jugend- und Kinderchor lautstark mitgetragen wird.

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Der Premierenjubel von damals wiederholte sich und führte uns das heutige Leben vor Augen. „Die Zeit ist vorbei“, hoffentlich bald, dankte der Applaus für das Opernabenteuer vor dem Computer. Nachzuhören im Netz bis 12. Mai, auch Tonträger existieren von dem Werk.

Von Georgina Szeless

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