Demokraten rufen „Joe-Time“ aus

In Corona-Zeiten dürften die Briefwähler die Kür zum US-Präsidenten entscheiden

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„It’s Joe Time!“ – Voller Enthusiasmus lässt die schwarze Krankenschwester Scheena Tannis die Showtime für Joe Biden beginnen. Auf dem ersten weitgehend virtuellen Parteitag der US-Demokraten erhielt der 77-Jährige die erwartet deutliche Mehrheit aller 4000 Delegiertenstimmen.

„Ich freue mich, bekannt zu geben, dass Joe Biden offiziell von der Demokratischen Partei als Kandidat für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten nominiert wurde“, sagte der Parteitagsvorsitzende, Bennie Thompson. Im Hintergrund lief das Lied „Celebration“ von Kool & The Gang.

Der ehemalige US-Vizepräsident zieht am 3. November gegen den republikanischen Amtsinhaber Donald Trump in die Wahl. „Es bedeutet die Welt für mich und meine Familie“, sagte Biden nach der Nominierung im Beisein seiner Frau Jill und seiner Enkel.

Formell ist die Nominierung erst zum Abschluss des Parteitags am Donnerstag (Ortszeit) vollzogen, wenn Biden in Wilmington, Delaware, seine Nominierungsrede hält.

Davor muss auch noch die kalifornische Senatorin Kamala Harris ihrer Rolle als Vize-Präsidentschaftskandidatin offiziell zustimmen.

Trumps Trommelfeuer

Amtsinhaber Donald Trump soll kommende Woche beim Parteitag der Republikaner zum Kandidaten gekürt werden. Trump versucht seit Tagen, Biden als „Marionette der radikalen linken Bewegung“ zu stilisieren.

Bei seinem Auftritt in Arizona vor etwa 700 Fans, fast alle davon ohne Mundnasenschutz, sowie dicht an dicht stehend, warnte Trump vor unkontrollierter Einwanderung im Fall seiner Wahlniederlage. „Sie wollen die Mauer niederreißen, sie wollen keine Grenzen haben“, sagte er in der Grenzstadt Yuma. Die Demokraten sind gegen die Mauer an der Grenze zu Mexiko, sie sind aber nicht für die Öffnung aller Grenzen. Trump wiederholte seine Worte vom Vortag, dass es bei der Wahl im November um das „Überleben unserer Nation“ gehe.

Kein gutes Haar

Davon sind auch die Demokraten überzeugt, jetzt seien Führungsqualitäten gefragt. Prominente US-Politiker stehen geschlossen hinter Biden, sie ließen kein gutes Haar an Donald Trump: die ehemaligen demokratischen Präsidenten Jimmy Carter (95) und Bill Clinton (74), der Ex-Außenminister unter Barack Obama, John Kerry (76), und der republikanische Ex-Außenminister und Army-General Colin Powell (83).

„In einer Zeit wie dieser sollte das Oval Office eine Kommandozentrale sein. Stattdessen ist es ein Sturmzentrum“, kritisierte Clinton. „Es herrscht nur Chaos. Nur eine Sache ändert sich nie: Seine (Trumps) Entschlossenheit, Verantwortung abzustreiten und die Schuld abzuwälzen.“

„Wir verdienen jemanden mit Integrität und Urteilsvermögen, jemanden, der ehrlich und fair ist, jemanden, der dem verpflichtet ist, was das Beste für die Amerikaner ist“, meinte Carter in einer Audiobotschaft. Er ist der älteste noch lebende Ex-Präsident.

„Mit Joe Biden im Weißen Haus werden Sie nie daran zweifeln, dass er zu unseren Freunden stehen und unseren Gegnern die Stirn bieten wird, niemals umgekehrt“, versprach Powell.

Mit einer emotionalen Rede warb Jill Biden für ihren Ehemann, eines Mannes mit Charakter und Werten, die viele Amerikaner teilen könnten. „Wir brauchen eine Führung, die unserer Nation würdig ist“, sagte Jill Biden. „Eine ehrliche Führung, die uns wieder zusammenbringt, um uns von dieser Pandemie zu erholen und uns auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommt. Führung, um uns neu zu überlegen, was unsere Nation sein wird. Das ist Joe.“ Ihr Ehemann und dessen Vize-Kandidatin Kamala Harris „werden jeden Tag genauso hart arbeiten wie Sie, um diese Nation besser zu machen. Und wenn ich die Ehre habe, als Ihre First Lady zu dienen, werde ich das auch tun.“

Die Post bringt allen was

Wegen der Corona-Pandemie rücken in der heißen Phase des US-Wahlkampfs die Abstimmung per Briefwahl und die angeschlagene USPS (U.S. Postal Services) ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Demokraten werfen dem Republikaner Trump vor, die Post zu schwächen, um die Wahl zu manipulieren. Der neue Post-Manager Louis DeJoy, ein Vorzeige-Fan Trumps, gelobte zwar rasche Besserung, die Zweifel freilich bleiben.

Die Behörden rechnen bei der Wahl am 3. November mit einer massiven Zunahme der Briefwahl, weil viele Wähler wegen Corona nicht den Gang ins Wahllokal riskieren wollen. Schon 2016 hatten etwa 35 Millionen Amerikaner ihre Stimme per Post abgegeben, heuer könnte einigen Experten zufolge fast jede zweite Stimme per Post abgegeben werden, die kaputt gesparte USPS wäre heillos überfordert.

Trump arbeitet offenbar darauf hin, die Rechtmäßigkeit der Abstimmung in Frage zu stellen. Sollte er nämlich unterliegen, könnte er von Wahlbetrug sprechen und sich weigern, die Niederlage anzuerkennen. Erst am Montag behauptete Trump, er werde nur verlieren, „wenn die Wahl manipuliert ist“.

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