Der „Abflug“ Marias ist und bleibt mysteriös

Türkei oder Israel, Ephesus oder Jerusalem? Das ist eine der Fragen rund um das Sterben und den Startpunkt der Himmelfahrt der Gottesmutter Maria. Christen begehen den Festtag jedenfalls seit dem 5. Jahrhundert. Seit 1950 schreibt ein von Papst Pius XII. erwirktes Dogma fest, dass Maria „mit Leib und Seele“ in den Himmel aufgenommen wurde. Die Bibel erzählt uns nicht viel über den Lebenslauf der Gottesmutter nach der Himmelfahrt Jesu. Der Volksglaube stützt sich also allein auf außerbiblische Überlieferungen.

Marienstatue an einem der Wege zum vermeintlichen „Haus der Maria“ in der heutigen Region Selcuk im äußersten Westen der Türkei. Heute ist das Marienheiligtum Anziehungspunkt für Christen und Muslime gleichermaßen. Auch der Koran sieht nämlich in Maria eine Gott besonders nahestehende Frau. © yulia - stock.adobe.com

In der Apostelgeschichte schreibt Lukas zum Leben Marias nach der Himmelfahrt ihres Sohnes nur: „Sie alle verharrten einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“

Eine davor liegende Schilderung der Kreuzigung im Johannesevangelium liefert den Ausgangspunkt vieler Legenden: „Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ Mehr erzählt uns die Heilige Schrift nicht.

Dogma und Warnung

1950 ließ Papst Pius XII. unter mehr als tausend Bischöfen der Weltkirche über die offizielle Linie der Kirche zum irdischen Lebensende der Gottesmutter abstimmen und auf Basis einer überwältigenden Mehrheit dann folgende Formel als Dogma veröffentlichen: „Dass die Gottesmutter, nachdem sie ihren irdischen Lebensweg vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“ Zusatz des Papstes: „Wenn jemand das in Zweifel ziehen sollte, lasst ihn wissen, dass er damit völlig vom Göttlichen und der katholischen Überzeugung abgefallen ist.“

Punktum! Offen blieb und bleibt aber weiterhin, ob Maria vor ihrer Aufnahme in den Himmel eines natürlichen Todes gestorben ist, aus dem Grab geholt und verherrlicht wurde oder ohne die Zwischenstationen Tod und Grab sofort gen Himmel entschwebte. Bis heute gibt es unter den Theologen Vertreter beider Denkansätze. Für die direkte Aufnahme in den Himmel spricht der im Dogma der Sündenfreiheit (1854) enthaltene Wunsch nach einer absoluten Sonderstellung der Gottesmutter. Für die These von Tod und Auferstehung spricht nach Aussage anderer Theologen die Parallelität der Pläne Gottes für Jesus und Maria.

Bunter Legenden-Strauß

Zwischen den letzten biblischen Aussagen zu Maria und dem Dogma von 1950 entfaltet sich ein dichtes Netzwerk an Legenden und Thesen zum Leben der Gottesmutter nach der Himmelfahrt Jesu — bis hin zu legendarischen Schilderungen ihres Todes. Demnach sei Maria ihre bevorstehende Heimholung drei Tage vorher von einem Engel angekündigt worden. Der letzte Wunsch der Gottesmutter sei es gewesen, alle Jünger Jesu noch einmal um sich versammelt zu sehen. Auf Wolken schweben die Verkünder des Evangeliums aus allen Winkeln der Erde heran und erweisen so Maria die letzte Ehre. Johannes soll der Sterbenden noch die heilige Kommunion gespendet haben. Thomas kam, so die Legenden, zu spät und zweifelte an der Aufnahme Mariens in den Himmel. So erschien ihm die Verherrlichte noch einmal und übergab ihm als Andenken ihren aus Kamelhaar gefertigten Gürtel, den sie in der Zeit der Schwangerschaft getragen haben soll. Noch heute wird ein überliefertes Stoffstück in einem griechischen Kloster verehrt.

Zwei Städte im Wettbewerb

Wo aber sollen sich diese in den Legenden überlieferten Szenen abgespielt haben. Dazu gibt es zwei Traditionen. Die eine erzählt, Maria sei mit Johannes nach Ephesus (heutige Region Selcuk im äußersten Westen der Türkei) gezogen und dort verstorben. Die andere Tradition siedelt Leben und Sterben der Maria in Jerusalem an. An beiden Orten gibt es entsprechende Denkmäler des Volksglaubens und der Verehrung — wobei die Hinweise auf Jerusalem historisch etwas weiter zurückreichen (4. Jhdt. n. Chr.) als die Hinweise auf Ephesus (5. Jhdt. n. Chr.).

Heilige Stätte in Ephesus

„Es ist durchaus möglich, dass Maria um das Jahr 41/42 mit Johannes nach Ephesus ging“, meint der renommierte deutsche Historiker und Autor Michael Hesemann. Immerhin gebe es Hinweise auf eine radikale Christenverfolgung im Heiligen Land durch König Herodes Agrippa, der im Jahr 41 auch Johannes´ Bruder, der Apostel Jakobus, zum Opfer gefallen sei. „Da verließ Johannes wie die meisten anderen Jünger das Land. Die Tradition weiß, dass er eben nach Ephesus an der Ägäisküste Kleinasiens ging, wo es eine große jüdische Gemeinde gab“, erläutert Hesemann die Hintergründe der Geschichten rund um Leben und Sterben der Gottesmutter in Ephesus. Unterstützt werde diese Ansicht auch durch das Faktum, dass just in Ephesus 431 n. Chr. das Dritte ökumenische Konzil stattgefunden habe, das das Dogma der „Mutter Gottes“ aufgestellt und damals schon in einer der Maria geweihten Kirche stattgefunden habe. Heute wird in der Region auf einem Berg das „Haus der Maria“ verehrt — und zwar sowohl von Christen als auch von Muslimen. Die türkische Wallfahrts- und Begegnungsstätte geht zurück auf die Visionen der deutschen Mystikerin Anna Katharina Emmerick, die der Dichter Clemens Brentano zwischen 1818 und 1824 niedergeschrieben hat. Auf Basis der darin enthaltenen „Ferndiagnosen“ für den Wohnort Marias wurde in den Bergen Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich eine solche Ruine ausfindig gemacht — heute als renoviertes „Haus der Maria“ eine vielbesuchte Gebetsstätte in der Region Selcuk.

Elternhaus des Johannes

Aber auch Jerusalem wirbt mit Überlieferungen und Baulichkeiten um den Status als Wohn- und Sterbeort der Gottesmutter. Anfang des 2. Jahrhunderts schreibt Bischof Meliton von Sardes, ein Schüler des Johannes, Maria habe „im Hause dessen Eltern nahe dem Ölberg“ gelebt und sei dort „im 22. Jahr nach der Auferstehung Jesu“ auch verstorben. Heute wird in Jerusalem direkt neben der sogenannten Getsemani-Grotte eine leere Kammer als Mariengrab verehrt.

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