Der Aktivismus in der Kunst

Ars Electronica: Preisträger der Goldenen Nicas in Linz verkündet

Männer, die über ihre Kindheit reden und Wiegenlieder singen: Rashin Fahandejs Arbeit „A Father´s Lullaby“
Männer, die über ihre Kindheit reden und Wiegenlieder singen: Rashin Fahandejs Arbeit „A Father´s Lullaby“ © Ars Electronica

Männer singen Wiegenlieder. Auch im 21. Jahrhundert noch ein ungewöhnliches Bild bzw. Hörerlebnis? Der US-Amerikaner Rashin Fahandej gibt für das Projekt „A Father´s Lullaby“ Vätern eine Stimme und lädt Männer dazu ein, eben „Lullabys“ zu singen und ihre Kindheitserinnerungen zu teilen.

Fahandejs Arbeit ist natürlich noch um einiges mehr „tricky“ und umfangreich, immerhin ist der Künstler auch Preisträger des diesjährigen Prix Ars Electronica in der Kategorie Digital Musics & Sound Art.

Öffentliche Installationen, gemeinschaftlich organisierte Workshops, eine per Computer erweiterte Realität und dies alles gebündelt im Internet (fatherslullaby.org). Inhaltlich beleuchtet Fahandej die Rolle von Männern in der Kindererziehung und väterliche Abwesenheit. Diese auch Folge einer Ungleichbehandlung im Strafvollzug aufgrund ethnischer Herkunft.

Die Medienkunst

Einen „aktivistischen Turn beobachtet heuer Gerfried Stocker, der künstlerische Leiter der Ars Electronica. Eine Bewegung hin zum künstlerischen Aktivismus, der Leben, Menschen, Natur ins Visier nimmt. Samt aktueller, oft nur global fassbarer Probleme: Klimawandel, Fluchtbewegungen, digitale Transformation. Am Montag gaben nun die Verantwortlichen im Deep Space des Linzer Ars Electronica Centrums (AEC) die Gewinner der Goldenen Nicas für herausragende Medienkunst bekannt.

3158 Einreichungen, aus denen eine in aller Welt beheimatete Jury die Gewinner der Goldene Nicas (je 10.000 Euro) auswählt. Neu hinzugekommen sind heuer „Awards of Distinction“ (Unterschiedlichkeit), dotiert mit 6000 Euro. Eine Maßnahme auch für die Künstler, die durch die Pandemie unter Druck geraten sind.

Goldene Nicas gehen an: Alexander Schubert (DE) für „Convergence“ (etwa: ein „Zusammenlaufen“) in der Kategorie Digital Musics & Sound Art. Eine Performance, in der menschliche Musiker und ihre aus KI (künstlicher Intelligenz) erzeugten Wiedergänger ein Musikstück gemeinsam spielen. Die Pointe: Parameter beeinflussen das Handeln der KI-Wesen, doch auch der Menschenwesen. Wie also sind „freie“ (?) menschliche Handlungen von sozialen, biologischen Parametern bestimmt?

Die Goldene Nica in Computer Animation geht an Guangli Liu (China), „When the Sea Sends Forth a Forest“. Ein virtueller Raum, der den Terror der Roten Khmer in Kambodscha (bis 1979) an der chinesischen Gemeinde dokumentiert. In der Kategorie Artificial Intelligence & LifeArt ausgezeichnet Forensic Architecture für „Cloud Studies“: Das internationale Kollektiv deckt Menschenrechtsverletzungen von Staaten und Unternehmen anhand der Analyse von giftigen Wolken auf.

Der Nachwuchs

Auch der Nachwuchs erntet Preise, eine Schöpfung des im Februar an den Folgen von Covid-19 verstorbenen Hannes Leopoldseder. Gewinner des U19-Bewerbes etwa sind drei Schüler aus Wien, die ein Gerät für „nachhaltige“ Musik aus Elektroschrott bastelten.

Eine „internationale Visitenkarte der Stadt“ nennt die Linzer Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer die Medienkunstpreise. „Künstler spielen eine wesentliche Rolle für die Gesellschaft. Wir sollten noch viel mehr darauf hören, was sie zu sagen haben. Wir wären wohl schon um einiges weiter auf dem Weg in eine gerechtere und nachhaltige Zukunft.“

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