Der Apostel Noricums

In einer Zeit, in der das Römische Reich im Zerfall begriffen war, wirkte ein Mann in der Provinz Noricum, der vielen durch seine große Nächstenliebe und sein diplomatisches Geschick Gutes tun konnte. Sein Leben hat ein gewisser Eugippius aufgezeichnet und so auch ein einzigartiges Zeugnis vom Leben der Menschen dieser Zeit in unseren Breiten hinterlassen: Dem hl. Severin, zweiter Schutzpatron der Diözese Linz, ist auch eine soeben passend zur OÖ. Landesausstellung 2018 vorgelegte Broschüre auf der Spur.

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Die Basilika St. Laurenz in Enns erhebt sich über antiken Mauerresten, die sich damals außerhalb des römischen Lagers befunden haben. Die Identifizierung von „una basilica“ der Vita Sancti Severini mit dieser Kirche wird in der Wissenschaft unterschiedlich gesehen. © Christoph Huemer

Text: Melanie Wagenhofer

Viel Persönliches ist nicht bekannt von dem besonderen Mann. Fest steht, dass Severin 410 n. Chr. geboren wurde, wo ist nicht bekannt. Aufgrund seiner Bildung und seiner Sprache — Eugippius nannte ihn einen „ganz und gar lateinischen Menschen“ — geht man davon aus, dass er Römer gewesen sein könnte. Severin bekleidete kein kirchliches Amt, er war kein Mönch, allein seine Lebensweise war eine solche, asketisch, ständig betend und fastend. Er soll nie Schuhe getragen haben und nur ein Gewand besessen haben. Er zog sich gerne zurück, am liebsten soll er sich in seiner Einsiedelei nahe dem nö. Mautern aufgehalten haben. Dort und an verschiedenen anderen Orten gründete er klösterliche Gemeinschaften. „Das Christentum hatte sich sowohl über die Römer als auch über Kaufleute und Händler bis nach Oberösterreich ausgebreitet. Anfang des 5. Jahrhunderts verfügte es bereits über feste Organisationsstrukturen“, schreibt Ines Weber, Professorin für Kirchengeschichte an der Katholischen Privat-Universität Linz, in dem Heft über Severin und meint damit Kirchen und Klöster und die dazugehörigen Ämter. Severin soll jeden Amtstitel abgelehnt haben.

„Gott hat mir den Auftrag erteilt, diesen Menschen in ihrer Not beizustehen.“

Diese Worte lässt Eugippius, der Severins Geschichte niedergeschrieben hat, den Heiligen sagen. Als Severin nach dem Tode Attilas (453) in Noricum wirkte, ist die Römerprovinz von den Germanen bedroht, das Römische Reich auch durch die Völkerwanderung im Zerfall begriffen. Die römischen Soldaten waren schon aus Lauriacum abgezogen worden und Zivilisten in ihr einstiges Lager eingezogen. Die Römer hatten das Gebiet aufgegeben, die Menschen lebten in Not und Angst, Überfälle, Plünderungen und Mord gehörten zum Alltag. Viele flüchteten, die Kirche übernahm Verwaltungs- und Schutzaufgaben (Lauriacum war auch Bischofssitz). Severin wirkte in Lauriacum, machte eine Art Flüchtlingslager daraus, er verhandelte mit den Germanen und schaffte es, nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen abzuwenden, sondern auch gefangene Römer freizubekommen. „Dem Rugierkönig Fewa und seiner Streitmacht tritt er, als er von seiner Invasion in Noricum erfährt, nach einem über 20 Meilen weiten nächtlichen Marsch alleine durch das unwegsame Gestrüpp unbewaffnet entgegen und sagt: Friede sei mit dir, bester König! Ich komme als Gesandter Christi, um Barmherzigkeit für Unterwürfige zu erbitten“, schreibt Eugippius.

Und Severin führte den Zehent ein, nach dem Besitzende ein Zehntel ihrer Feldfrüchte abgeben sollten, damit speiste er seine Hilfsprojekte, aus Hilfslieferungen verteilte er Kleider und Essen. Und obwohl es mit dem Transport schon sehr schwierig geworden war, gelang es ihm sogar, im Winter Kleiderlieferungen über die verschneiten Alpen zu organisieren und Olivenöl nach Noricum zu bekommen. Dass alle mit dem Öl versorgt werden konnten, ist eines der Wunder, die ihm zugeschrieben werden. Auch die Befreiung einer ganzen Ernte von Getreiderost, einer zerstörerischen Pilzerkrankung, zählt zu den Wundern, die Severin gewirkt haben soll. Und der Heilige soll auch immer wieder Entwicklungen vorhergesagt haben: Manche Wissenschafter schreiben das aber weniger hellseherischen Fähigkeiten, vielmehr den guten Kontakten, die Severin gepflegt hat, zu. Als die Uferprovinz offiziell geräumt werden musste, konnte ein Teil der Menschen dank Severin geordnet nach Italien abziehen.

Am 8. Jänner 482 starb Severin in seinem Kloster bei Favianis (Mautern), seine sterblichen Überreste nahmen seine Mönche, seinem ausdrücklichen Wunsch folgend, mit nach Italien, als sie sich dem Zug über die Alpen anschlossen, der im Auftrag Odoakers durchgeführt wurde. Sechs Jahre nach seiner ersten Beisetzung soll sein Leichnam unverwest und vollkommen erhalten gewesen sein, habe geduftet, obwohl er nicht einbalsamiert war, wie Eugippius schreibt. In der Nähe von Neapel fand Severin schließlich seine letzte Ruhestätte.
Eugippius verfasste 511, also 30 Jahre nach dessen Tod, die berühmt gewordene Vita Sancti Severini und machte Severin damit zum wohl bekanntesten Römer des Landes, wenn er das denn war. Ob sich die beiden gekannt haben, ist unsicher, Eugippius war Abt der von Severin gegründeten Mönchsgemeinschaft, die zurück nach Italien ging. Persönliche Erinnerungen und Angaben älterer Mitbrüder habe er für sein commemoratorium, in Gedenken an den geistigen Gründer der Gemeinschaft, verwendet, wie Museum Lauriacum-Direktor und wissenschaftlicher Leiter der diesjährigen Landesausstellung, Reinhardt Harreither, schreibt. Eugippius‘ Darstellungen, bestehend aus einer Vielzahl von Episoden, bilden die einzige erzählende Quelle aus der Zeit der untergehenden Römerherrschaft in Österreich und Bayern und damit eine einzigartige historische Quelle.

„Zeitlose und aktuelle Persönlichkeit“

In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde Severin mehr und mehr verehrt. Papst Gregor der Große ließ zu seinen Ehren in Rom ein Gotteshaus errichten. Seit 1935 ist der hl. Severin neben dem hl. Florian der zweite Patron der Diözese Linz. In Enns erinnern neben dem Severintor zahlreiche weitere religiöse Darstellungen und Objekte an den Heiligen. Severin Renoldner, Ethik-Professor an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, bezeichnet Severin als „zeitlose und aktuelle Persönlichkeit“.