Der Einsiedler vom Bodinggraben

Seit 17 Tagen ist Michael Kirchweger von der Außenwelt abgeschnitten

Michael Kirchweger (hier auf einer Archivaufnahme) ist seit mehr als zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten.
Michael Kirchweger (hier auf einer Archivaufnahme) ist seit mehr als zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. © Bundesforste/NP Kalkalpen

Von Andreas Röbl

MOLLN — Leben wie ein Eremit, ohne Internet und sonstige Belästigungen durch die Außenwelt — Es gibt angeblich Leute, die für derartige Erfahrungen viel Geld bezahlen. Michael Kirchweger hätte lieber darauf verzichtet. Seit mittlerweile 17 Tagen führt er das Leben eines Einsiedlers. Zwangsweise. Seitdem am 26. Februar eine riesige Lawine vom Rotgsol abgegangen ist und die Mollner Gemeindestraße verlegt hat, ist der Nationalpark-Ranger von der Außenwelt praktisch abgeschnitten.

Erfahrung nicht neu

Der 59-Jährige, der im Nationalpark für die Wildtierfütterung zuständig ist, lebt mit Gattin Ernestine und Tochter Lea (17) im ganz am Ende des Tals gelegenen Forsthaus. Die Erfahrung, eingeschlossen zu sein, ist nicht neu für die Familie. „Es kann immer wieder mal vorkommen, dass die Straße gesperrt ist. Aber so lange wie dieses Mal hat es noch nie gedauert“, erzählt der 59-Jährige dem VOLKSBLATT am Telefon.

Während die beiden Frauen mittlerweile in den Ort gezogen sind, hält Kirchweger ganz allein die Stellung. Er kümmert sich um die Hirschfütterung (mit dem Unterschied, dass keine Besucher kommen) und erledigt ansonsten Sachen, für die man sonst weniger Zeit hat. Gründlich putzen etwa. „So sauber waren Keller und Kühlraum noch nie“, schmunzelt er. Auch seine Kochkenntnisse sind gefordert, die er selber als „so recht und schlecht“ bezeichnet: Meist gibt es Suppe oder Milchreis, aber auch ein Hirschbraten war schon mal dabei. Dank Notstromaggregat hat er zumindest wieder Strom, der nötige Diesel wurde ebenso wie dringend notwendige Lebensmittel mit dem Hubschrauber eingeflogen.

Früher war das normal

Was ihm an den einsamen Abenden so alles durch den Kopf geht? „Ich denke viel an die Leute, die früher hier gelebt haben.“ Anfang des 20. Jahrhunderts waren es bis zu 30 Leute — Holzknechte und Köhler mit ihren Familien. Der rund 14 Kilometer lange Schulweg für die Kinder dauerte mehrere Stunden. „Für die war es ganz normal, so zu leben.“

Für Kirchweger ist ein Ende des Einsiedler-Daseins zumindest absehbar. Am Montag soll mit der Räumung begonnen werden. Die wird zwar einige Tage dauern, dem Nationalpark-Ranger ist das aber egal. „Das halte ich auch noch aus!“