„Der erste gelungene Brexit“

Susanne Lietzow inszeniert „Maria Stuart“ am Linzer Landestheater (Premiere morgen)

Regisseurin Susanne Lietzow arbeitet gern in Linz und das bereits zum wiederholten Male.
Regisseurin Susanne Lietzow arbeitet gern in Linz und das bereits zum wiederholten Male. © Brunnader

Das Linzer Landestheater startet mit einem Klassiker in die neue Saison: Die zweifache Nestroy-Preisträgerin Susanne Lietzow inszeniert Schillers „Maria Stuart“. Dafür steckt sie die Protagonisten in Politikerkostüme und holt das historische Geschehen ins Heute.

VOLKSBLATT: Das Theater Phönix war eine Ihrer ersten Stationen. 2014 haben Sie mit der Inszenierung für das Linzer Theater den Nestroy für „Höllenangst“ abgeräumt. Auch am Landestheater sind Sie Stammgast. Ist Oberösterreich ein guter Boden für Sie?

SUSANNE LIETZOW: Ja, scheint so zu sein, wenn ich immer wieder retour komme. Im Phönix war ich schon als Schauspielerin mit süßen 21, dann habe ich mehrmals dort Regie geführt. Am Landestheater ist „Maria Stuart“ mittlerweile meine vierte Inszenierung. Ich mag beide Häuser sehr gern und es ist auch ein schönes Arbeiten hier.

Diese Saison inszenieren am Landestheater im Schauspiel mehr Regisseurinnen als Regisseure. Ein wichtiges Signal?

Ja, auf alle Fälle. Als ich angefangen habe, Schauspiel zu machen, gab es selbst im Phönix keine einzige Frau, die dort inszeniert hat. Das hat sich jetzt schon innerhalb meiner Zeit extrem geändert und gesteigert, obwohl es in den Chefpositionen immer noch zu wenig ist.

Was dürfen wir uns bei „Maria Stuart“ erwarten?

Es gibt zwei Hauptinteressen an dem ganzen Ding. Einerseits ist es ein wahnsinnig spannender Politthriller, andererseits geht es natürlich darum, wie zwei Frauen in einer komplett männerdominierten Welt wie der Politik ihr Frausein einsetzen. Wir haben zwei völlig verschiedene Frauen, die zu Lebzeiten schon Ikonen aus sich selber machen mussten, um in dieser Welt überhaupt zu überleben. Elizabeth hat sich diese Ikone der jungfräulichen Königin angeschafft, um sich gegen die Heiratspolitik abzuschotten und überhaupt regieren zu können, Maria hingegen macht das Gegenteil, die ist eine totale Verführerin, die Männer manipuliert. Und rundherum hat man eine Masse an Politikern, die einen Hahnenkampf der Sonderklasse veranstalten und versuchen, zu beeinflussen, immer auf den eigenen Vorteil und das eigene Überleben bedacht.

Wie zeichnen Sie diese Rivalinnen im Kampf um die Macht?

Die Elizabeth war ja eine der besten Regentinnen, die England je hatte, über 40 Jahre. Es geht auch darum, was natürlich ein sehr heutiges Problem ist: Kann man sauber bleiben, wenn man Politiker ist? Elizabeth hat Hinrichtungen, die damals an der Tagesordnung waren, ständig von sich gewiesen und aufgeschoben. Sie wollte keine blutige Regierung haben. Dadurch, dass ihr Thron wackelt, solange Maria Stuart lebt, und dadurch, dass Maria in einer ungeheuren Sturheit nie auf den Thron verzichtet hat, ist das natürlich eine wahnsinnige Zwangslage.

Männer, die sich durchlavieren, ihre Fähnchen nach dem Wind richten. Ein Kontrapunkt, den Sie setzen?

Bei „Maria Stuart“ wird das oft gemacht, dass Männer einfach als Chor verkommen. Das finde ich total uninteressant. Ich nehme jede Figur ernst und jede Figur steht auch für etwas. Dieser Mann zwischen den beiden Frauen, Leicester, ist eine großartige Figur. Und auch Burleigh, das sind ja alles Schauspielerfressen. Die haben bei mir richtig zu tun.

Was war Ihnen bei der Besetzung der Hauptrollen besonders wichtig?

Theresa Palfi kannte ich ja schon von „Kasimir und Karoline“ und das war mir von Anfang an klar, dass sie die Elizabeth ist, auch in ihrer unglaublichen Zartheit und trotzdem einer großen Kraft. So eine präsente Schönheit bei der Maria, eine Kraft, die aus einer anderen Ecke kommt, die ist mit Gunda Schanderer einfach da.

Wie gehen Sie mit Schillers umfangreichem Personal und dem Text um?

Ich habe schon eingedampft. Es sind jetzt insgesamt acht Schauspieler. Ich mag diesen Schiller-Text wahnsinnig gern und bin auch zu 80 Prozent im Original drin. Wir haben aber schon sehr auf die Inhalte reduziert und fokussiert in der Fassung, die knapp zwei Stunden dauert.

Einst spaltete die Religion England, heute ist es der Brexit. Stellen Sie aktuelle Bezüge her?

Das war ja der erste gelungene Brexit von Heinrich VIII., Elizabeths Vater, sich von Rom abzuspalten und die ganzen Pfründe in den eigenen Besitz überzuführen. Das hat ja die Kasse der Krone gerettet. Aktuelle Bezüge sind im Originaltext drin. Das ist ja das spannende, dass es bleibende intelligente Texte gibt.

Für „Der Sturm“ haben Sie das Phönix unter Wasser gesetzt und für „Leonce und Lena“ in einen Eislaufplatz verwandelt. Dürfen wir uns wieder auf Überraschungen freuen?

Wir haben eine sehr ästhetische, sehr reduzierte Bühne, auch die Kostüme sind großartig. Die Maria ist eher Givenchy, die Elizabeth ist Chanel, die Herren schauen aus wie vom britischen Herrenausstatter bis in die Socken. Très chic, würde ich einmal sagen.

Mit SUSANNE LIETZOW sprach Melanie Wagenhofer

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