Der fragwürdige „Amerikanische Traum“

Musical „Ragtime“ feiert im Musiktheater Linz umjubelte Premiere

Gino Emnes
Gino Emnes © Reinhard Winkler

Von Eva Hammer

New York um 1900. Zufällig entdeckt Tate, dass seine Scherenschnitte laufen können, wenn er sie ganz schnell durchblättert — für den bitterarmen jüdischen Migranten und seine Tochter das Ende aller existenziellen Nöte, als Filmemacher erlangt er Reichtum und Ruhm. Dieser Prototyp eines „American Dream“ zeichnet einen der drei Handlungsstränge des Musicals „Ragtime“, das am Freitag im Musiktheater Premiere feierte. Wie der Dampfer auf dem Tate und seine Tochter aus Lettland nach Amerika flüchten, ist das Sittenbild aus Rassismus, Korruption und Einwanderungsthematik überfrachtet mit Personen, Schicksalen und einer Vielzahl von realen Zeitgenossen.

Ganz große Gefühle, mächtig verstärkt durch das bestens disponierte Bruckner Orchester mit Tom Bitterlich, kommen über die Rampe, wenn Coalhouse nach langem Werben endlich seine Sarah und ihr gemeinsames Baby in die Arme schließt. Umso ergreifender der Moment, als die Geliebte bei einer Demonstration im Kugelhagel der Polizei stirbt. Massenszenen, volles Orchester, romantische Musik, Hingabe ans Drama. Überragt vom „Ragtime“-Thema. Zu Herzen und ins Ohr gehen auch stille Balladen, einsames Piano, Märsche, Hymnen und vor der Pause eine umjubelte Gospel-Soul-Arie mit großem Chor an Sarahs Sarg. Dass solche Opulenz am Kitsch vorbeikommt, liegt an der sichtlichen Distanz der Schauspieler zu ihren Rollen: Da ist kein Pathos.

Da bleibt keine Zeit für Zwischenapplaus

Gino Emnes als Coalhouse bleibt vom sensiblen Pianisten und Liebeswerber bis zum terroristischen Gerechtigkeitskämpfer mit bewusstem Abgang in den Tod so cool, dass auch die emotionale Verfolgung durch das Publikum, besonders im zweiten Teil, nicht leicht fällt. Daniela Dett zieht als „Mutter“ und weiße Upper-Class-Lady gegen den Willen ihres Gatten das Baby von Coalhouse auf. Sie überzeugt kraft ihres unerschütterten Tuns, ihrer Haltung und natürlich ihrer Gesangsstimme. Die Choreografien von Melissa King erzeugen abstrakte Stimmungsbilder und Dichte in der permanenten Hochgeschwindigkeit. Obwohl das Publikum immer wieder ansetzt, bleibt keine Zeit für Zwischenapplaus.

Im bühnenfüllenden Gerüst (New York) zieht Bühnenbildner Hans Kudlich sämtliche Register der Musiktheatertechnik zur realistischen Darstellung der ungezählten Schauplätze. Myrthes Monteiro als Sarah und Tate Riccardo Greco demonstrieren einmal mehr, dass es ein Glücksfall ist, sie fix im Ensemble zu haben.

Regisseur Matthias Davids schafft speziell im ersten Teil begeisternde Momente und insgesamt ein historisch gültiges Sittenbild mit heutigen Anklängen. Großer Applaus für Regie, musikalische Leitung und Dramaturgie (Aarne Beeker), die dieses Gewebe aus unzähligen Elementen klar über die Bühne bringen, noch größerer für das riesige Schauspiel-Ensemble und Bruckner Orchester.

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