Der Geist soll in der Flasche bleiben

Enttäuschte Hoffnungen und zerstreute Ängste: Franziskus lässt Zölibat unangetastet

lten erfuhr die Amazonas-Region in Europa und auch hierzulande derart große Aufmerksamkeit.

Wenn überhaupt, dann galt das Interesse dem Regenwald, dessen Abholzung den globalen Klimawandel anheizt.

Ehe gegen Priestermangel

Seit einem halben Jahr steht Amazonien auch im Hinblick auf einen Wandel in der katholischen Kirche im Fokus. Im Oktober endete in Rom die Amazonien-Bischofssysnode, die sich entsprechend der päpstlichen Aufforderung zur tabulosen Diskussion tatsächlich an den Bruch eines Tabus wagte: Sie empfahl eine teilweise Aufhebung des Zölibats. Verheiratete, bereits als Diakon bewährte Männer sollten zu Priestern geweiht werden können. Überdies plädierten die Bischöfe für eine Prüfung des Diakonats für Frauen.

Die Empfehlung bezog sich ausdrücklich nur auf das von Priestermangel geplagte Amazonas-Region. Und vor allem: es war nur eine Empfehlung.

Weil Papst Franziskus mit unkonventionellem Amtsverständnis und dem Fördern tabuloser Debatten stets Offenheit für unkonventionelle Ideen suggeriert, weckte die Amazons-Synode bei vielen Katholiken die Hoffnung, bei anderen die Befürchtung, dass der Heilige Vater im Kirchenrecht den Paragrafen 1 im Canon 277 kippen könnte. Dieser schreibt die priesterliche Zölibatspflicht fest.

In seinem mit Spannung erwarteten postsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ (Geliebtes Amazonien) rüttelt der Papst freilich kein bisschen am Zölibat. Der Begriff kommt in dem am Mittwoch präsentierten Text nicht einmal vor. Franziskus plädiert aber für eine Stärkung der Laien: „Eine Kirche mit amazonischen Gesichtszügen erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleiter, die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen.“

Warum enttäuscht Franziskus Hoffnungen von Zölibatsgegnern bzw. zerstreut er Befürchtungen von Zölibatsanhängern, wo es doch nur um eine Ausnahme für eine entlegene Region ging?

Ganz einfach: Der Geist wäre damit aus der Flasche gewesen. Eine Sonderregelung für Amazonien hätte natürlich all jenen Auftrieb gegeben, die Priestern auch hierzulande Frau und Familie gönnen. Ließe der Papst den Priestermangel im Regenwald als Argument gegen den Zölibat gelten, würde er sofort daran erinnert, dass es auch in Europa keinen Priesterüberschuss gibt.

Kardinal Christoph Schönborn liest aus Franziskus’ Text die Ermutigung, das bei der Amazonien-Synode Erarbeitete weiter reifen zu lassen. Tatsächlich lässt „Querida Amazonia“ nur einen Schluss zu: Die Zeit ist nicht reif für ein Ende des Zölibats.

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