Der grausame, liebenswerte Egomane

Filmbiografie: Oskar Roehlers „Enfant Terrible“ über Rainer Werner Fassbinder

Katja Riemann (als Gudrun) und Oliver Masucci (als Rainer Werner)
Katja Riemann (als Gudrun) und Oliver Masucci (als Rainer Werner) © BavariaFilmproduktion

„Ihr habt alle Angst, euch dreckig zu machen. Aber einer muss hier das Arschloch sein.“ Wer will, kann aus einigen Szenen von Oskar Roehlers Filmbiografie „Enfant Terrible“ einen Kommentar zur Gegenwart herauslesen. Ansonsten fokussiert der bayerische Regisseur („Jud Süß — Film ohne Gewissen“) ganz auf seinen Unhelden Rainer Werner Fassbinder und dessen Schaffenszeit zwischen den späten 1960ern und dem frühen Tod 1982. Bier und Cuba Libre, Leopardenhose und Lederjacke, knackige Männerkörper und Unmengen Koks.

In Episoden das Leben Fassbinders, der süchtig nach der Filmemacherei war und das deutsche Kino mit unverschämtem Realismus wachküsste. Vom Theater in München 1967 (Tomaten für das Publikum, das sie essen oder damit die Schauspieler bewerfen kann) zum ersten Langfilm „Liebe ist kälter als der Tod“ (1969), von „Angst essen Seele auf“ (1974) bis „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982). Roehler schert sich nicht um herkömmliche Biopic-Muster, strebt eine atmosphärische Annäherung an das Fassbinder-Universum an. Selten Momente des Triumphes, immer locken das nächste Gelage und „Gastarbeiter“ in der nächsten Schwulenbar.

Die Geldgeber waren von Roehlers Vorstellungen so weit irritiert, dass sie das Budget auf ein Drittel, 2,5 Millionen Euro, kürzten. Was einen von Fassbinder beseelten Regisseur wenig juckte. Gemalte Kulissen tun’s auch, sie fallen über 135 Minuten Filmlänge nicht weiter auf. Die Rolle des mit nur 37 Jahren an einer Überdosis verstorbenen Fassbinder besetzte Roehler mit dem über 50-jährigen Oliver Masucci und hat damit einen Goldgriff getan. Der langjährige Burgschauspieler Masucci in einer One-Man-Show, in der namhafte Darstellerinnen des deutschen Films fast zur Kulisse verkommen. Ein verschwenderischer Luxus die Auftritte von Katja Riemann (Gudrun), Frida-Lovisa Hamann (Hanna Schygulla) oder Sunnyi Melles (Rosel Zech). Mehr Tiefengrundierung erhalten Fassbinders männliche Gefährten, stark Hary Prinz (Kurt) und Erdal Yildiz (El Hedi ben Salem).

In den TV-Nachrichten Terror in München 1972 und Deutscher Herbst 1977, Fassbinder macht Filme und seine Liebhaber unglücklich. Sadistischer Egomane am Filmset, schwuler Sex und Punkattitüde. Als die sogenannte Kunstwelt Fassbinder eingemeinden will, hat auch Andy Warhol (Alexander Scheer) einen Kurzauftritt („Machen Sie Gymnastik?“ — Fassbinder: „Ich schaue Fußball.“). Roehler liebt diesen Verrückten und will ihn nicht mit Fragen quälen, warum er so geworden ist wie er ist. Ein schreckliches Kind, das „Enfant Terrible“ lust- und liebevoll einfängt.

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