Der Hitler als Karrierehöhepunkt

Premiere: Komödie „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ in der Studiobühne des Landestheaters

Prächtel (Helmuth Häusler, links) ist das Schauspielergenie. Eine Ehre für die Kollegen (Daniel Klausner, Horst Heiss), dass er überhaupt mit ihnen spricht!
Prächtel (Helmuth Häusler, links) ist das Schauspielergenie. Eine Ehre für die Kollegen (Daniel Klausner, Horst Heiss), dass er überhaupt mit ihnen spricht! © Petra Moser

Drei Herren, die warten. Sind sie auch wirklich da? In Gedanken schon bei ihrem Auftritt in einer Talkshow. Sie reden. Sind diese Sätze echt oder nur die Probe für den Auftritt? Einer, der Hitler-Darsteller Söst, hofft, dass ihn der Moderator auf seine Kochleidenschaft anspricht. Söst könnte dann mit einem lange vorbereiteten Satz entzücken. Nicht bloß Koch, sondern ein „Adorant von Gewürzen“. Huch!

Und Hitler? Das millionenfache Morden des Braunauer Aquarellisten ist nicht der Rede wert. Die Selbstdarstellung der Schauspieler nimmt jeden Raum ein. Die zwei Älteren mimten schon den Adolf, der Jüngere immerhin den Goebbels. Man tut nur kurz freundlich, bald entbrennt fürchterlicher Konkurrenzkampf. Gespickt mit Zitaten und Satzgirlanden, die Kritiker über einen geschrieben haben oder man gerne hätte, dass sie über einen schrieben. (Das unsittliche Gewerbe des Kritikers bekommt en passant ebenfalls reichlich Fett ab.)

Der Boden schwankt

Theresia Walsers Komödie „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, 2006 uraufgeführt, hat sich als Szenario über die Jahre in den Alltag geschlichen. Der narzisstische Typus bekannt, vor elektronischem Gerät posierend. Doch Nina Metzger konzentriert sich in ihrem Regiedebüt ganz auf den schön altmodischen Typus des eitlen Schauspielers. Ein wunderbar spritzig inszeniertes Gefecht, kurzweiliges Theater im Theater, mit einem prächtig eingespielten Schauspielertrio. Premiere war am Sonntag in der Studiobühne des Linzer Landestheaters.

Mirjam Ruschka wählte als zentrales Bühnenelement einen schwankenden Bretterboden, auf dem die Herren auch physisch ins Trudeln kommen. Horst Heiß, als Söst von der abstrakten Theaterschule kommend (wie stelle ich die Undarstellbarkeit Hitlers dar?), tarnt etwaige Selbstzweifel hinter einer dunklen Sonnenbrille. Ein Künstlerschal unterstreicht seine Wichtigkeit. Daniel Klausner, der Ex-Goebbels, ein Teilzeit-Revoluzzer, der manchmal traurig hinter der Brille hervorlugt wie der Josef Hader. Ein Jungspund, der natürlich das Theater umkrempeln will: Multimedia, Regietheater, das Publikum aus der Lethargie rütteln!

So viel aufgesetzte Modernität ruft in Franz Prächtel, dem solitären Schauspielgenie klassischer Schule, natürlich Verachtung hervor. Prächtel unverkennbar ein Wiedergänger von Bruno Ganz, der den Hitler im Film „Der Untergang“ zum Erbrechen perfekt gespielt hatte. Helmuth Häusler kostet die Rolle des Prächtel herrlich und lustvoll aus. Betont jede Silbe und jede Pause, die natürlich keine Pause ist, sondern konzentrierte Stille.

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Sagt man Hamlet oder englisch Hämlet? Wie hat Beethoven den Beethoven gemeint? Kunstbetrieb und interpretatorisches Herumgeeiere, Geschwurbel um Authentisches und Identisches werden gnadenlos durch den Kakao gezogen. Nach dem Hitler die Rolle eines KZ-Häftlings, man ist schließlich besorgt um sein seelisch-moralisches Gleichgewicht. Boshafte Satire, als solche auch grandioser Spiegel.

Das Genie Prächtel braucht keinen Beifall und schon gar kein Publikum. Dieses applaudierte dennoch heftig. Siebzig sehr schlaue, sehr witzige Minuten.

Von Christian Pichler

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