Der Kosmos in mir, in dir

Der Roman „Im Frühling“ aus Karl Ove Knausgårds Jahreszeiten-Zyklus

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Karl Ove Knausgård: Im Frühling. Luchterhand Verlag, 256 S., € 22,70 © Luchterhand Verlag

Von Christian Pichler

Woran seine Frau leidet, gibt Karl Ove Knausgård nur langsam preis. Bis zur Mitte von „Im Frühling“ nur Vages, seine Frau sei „im Krankenhaus“. Knausgård schreibt über einen Tag mit seiner Tochter, die erst wenige Monate alt ist. An diesem Morgen wird sie früher munter („Oh, das ist aber früh, mein Mädchen“), gewöhnlich schläft sie brav durch von sechs am Abend bis sechs in der Früh.

Wenig „passiert“ an diesem Frühlingstag in ländlicher norwegischer/schwedischer Gegend. Der Autor betrachtet die Landschaft, versucht, sie in Worte zu fassen. Denkt über das Leben nach, schöpft aus dem Reichtum seiner Erinnerungen. Besucht am Vormittag einen Nachbarn, fährt am Nachmittag zu seiner Frau ins Krankenhaus. Stets an seiner Seite das Mädchen, mit dem er spricht, um das er sich kümmert.

Knausgård zu lesen ist eine Bereicherung

Erinnerung an den beinahe unbeschwerten Sommerurlaub mit den drei Kindern und seiner Frau, als diese schon mit dem Mädchen schwanger war. Nach der Rückkehr fiel sie in seelische Dunkelheit. Fand nicht, wie üblich, nach etwa einer Woche wieder heraus. Zu viel der Pein, sie wollte aufgeben. Er, ohnehin andauernd von Schuldgefühlen geplagt, quält sich. Hat er die Zeichen nicht gesehen, nicht verstanden?

Das literarische Programm des 1968 geborenen Knausgård ist bestmöglicher Verzicht auf Fiktion und sprachliche Durchdringung des Alltags. Damit widerlegt Knausgård auch eine der fatalsten Worthülsen, die lautet: „dem Alltag entfliehen“. Eben hier, im Alltag, verbirgt sich das Geheimnis von Existenz. Der Kosmos gespiegelt in einem selbst, in einem geliebten Menschen. Diese Schönheit wird Knausgård am Ende von „Im Frühling“ preisen.

Knausgård zu lesen bereichert, der Leser wird mit wunderschönen Bildern belohnt. Beim Heimkommen etwa sieht Knausgård seine anderen Kinder in tröstlicher Normalität auf der Couch liegen. Wie „Lemuren“ auf einem Felsen, denkt er, „vollkommen frei in der Wahl ihrer Stellungen; dein Bruder lag auf der Rückenlehne, eine Hand hing herab, deine eine Schwester lag ausgestreckt auf dem Bauch, beide Hände unter dem Kinn, die andere lag auf der Seite, mit dem Kopf zur Ecke hin, ein Bein auf der Rückenlehne ruhend“.

Knausgård gilt seit seinem autobiografischen Mammutwerk als bedeutendster norwegischer Autor. Sechs dicke Bände, von „Sterben“ bis „Kämpfen“. Wer vor diesem Leseabenteuer noch zurückschreckt, dem sei als Einstieg der Jahreszeiten-Zyklus ans Herz gelegt. Seit 2017 erscheint halbjährlich ein Werk, das abschließende „Im Sommer“ steht kurz bevor.

„Im Frühling“ ist ein beglückender Brief an eine Neugeborene (Übersetzung: Paul Berf, mit Bildern von Anna Bjerger), Düsternis und Lebensangst der Autobiografie sind einem Lebensmut gewichen. Im Epilog, zwei Jahre nach dem erzählten Frühlingstag, gibt Karl Ove Knausgård Entwarnung. Seine Frau daheim und wohlauf, die Tochter gedeiht prächtig.