„Der letzte Abgrund der Hölle“

„Surviving Gusen“: Ein wichtiger Film gegen das Vergessen

Karl Littner überlebte das KZ Gusen, weil ihn jemand in letzter Sekunde von einem Leichenhaufen zog und ihn so vor dem Krematorium rettete.
Karl Littner überlebte das KZ Gusen, weil ihn jemand in letzter Sekunde von einem Leichenhaufen zog und ihn so vor dem Krematorium rettete. © Bright Films

Auf Schienen geht es durch eine idyllische Winterlandschaft von heute. Oder via Drohne oben drüber.

Die Menschen, die auf der Strecke der Summerauerbahn zusammengepfercht in Waggons ohne Dach hier einst einem furchtbaren Ende im KZ Gusen entgegenfuhren, litten unter vielen Qualen, Kälte, Hunger, den (oft tödlichen) Schikanen der SS und wohl unter unfassbar großer Angst.

Deportation im Fokus

Die Deportation in Konzentrationslager sei filmisch zu wenig dokumentiert, so die Linzer Filmemacher Gerald Harringer und Johannes Pröll im VOLKSBLATT-Interview. In ihrer außergewöhnlichen Doku „Surviving Gusen“ — mit der gestern Crossing Europe eröffnet wurde — lassen sie Bilder von damals beim Zuseher im Kopf entstehen, etwa, wenn die Sprecher — die Schauspieler Maria Hofstätter und Peter Simonischek treffen den richtigen Ton — die grausamen Bedingungen schildern, aus Berichten von Überlebenden und Polizeiprotokollen lesen.

Dazu eine Geräuschkulisse, die in die Zeit zurückversetzt (Music & Sounddesign: Wolfgang Dorninger). Viele mussten schon auf dem Weg ihr Leben lassen, noch bevor es zur 35.000-fachen Vernichtung durch die Arbeit am und im final acht Kilometer Stollensystem Bergkristall in Gusen kam, wo, wie es im Film heißt, jeder Meter beim Bau unbarmherzig einen Toten forderte.

Begrabene Vergangenheit

Um die Situation und die Geschehnisse im KZ Gusen geht es auf der zweiten Ebene. Dort, wo heute eine Einfamilienhaussiedlung steht, wurde die Vergangenheit vor langer Zeit begraben. Die Kamera wandert durch die Gassen, während von den Gräueltaten der Nazis berichtet wird. Die Historie spaltet die Bewohner von heute in die, die nichts mehr davon wissen wollen und die, die offen darüber sprechen.

Gewusst haben damals viele davon, diesen Schluss legen die Fakten nahe, die die Filmemacher zusammengetragen haben. Harringer und Pröll filmen gegen das Vergessen und rücken dabei die Wege dreier ehemaliger KZ-Insassen in den Fokus: Der größte Widerstand, den man leisten konnte, sei das Überleben gewesen, sagen sie. Betroffene, die mehrere Konzentrationslager überlebt haben, berichten davon, dass Gusen das schlimmste von allen gewesen sei, „der letzte Abgrund der Hölle“. Dazu trugen auch furchtbare hygienische Bedingungen bei. Nach der Befreiung mussten die Amerikaner große Teile des Lagers niederbrennen, um die Ausbreitung von Krankheiten zu unterbinden.

Die dritte Ebene erzählt die Geschichte der Überlebenden nach dem Konzentrationslager. Auch das ist wichtig, weil sich ein Hoffnungsschimmer auftut: Karl Littner, den Pröll in den USA, seiner neuen Heimat, besucht hat, lässt ausrichten: „Sag den Leuten, dass es uns gut geht.“ In West LA, einem jüdischen Viertel, das nach 1945 entstanden ist, haben er und seine Frau ein gutes Leben geführt. Littner starb wenige Monate nach den Dreharbeiten, Pröll führte das letzte Interview mit ihm. Auch ein zweiter Zeitzeuge aus dem Film ist mittlerweile verstorben. Jetzt, da diese Stimmen nach und nach verstummen, ist es umso wichtiger, sie noch einzufangen und festzuhalten.

Bezug zu heute

Nüchterne Fakten, sehr persönliche Schilderungen und eine reduzierte Bildsprache mit Aufnahmen, die ins Heute holen, ergeben einen umfassenden Eindruck, der den Betrachter mit dem Gefühl zurücklässt, dass das auch mit unserer Gegenwart etwas zu tun hat und nie wieder passieren darf. Dringende Empfehlung — gerade auch für höhere Schulstufen.

Von Melanie Wagenhofer

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