Der Mann, der Sonne suchte und Schatten fand

Man riecht förmlich die Farbe: Willem Dafoe glänzt in Julian Schnabels stimmungsvollem „Van Gogh“

Der große Spätimpressionist Vincent van Gogh – hier grandios verkörpert von Charakterdarsteller Willem Dafoe – erreichte mit seiner Kunst Millionen. Leider erst posthum.
Der große Spätimpressionist Vincent van Gogh – hier grandios verkörpert von Charakterdarsteller Willem Dafoe – erreichte mit seiner Kunst Millionen. Leider erst posthum. © Filmladen Filmverleih

Von Andreas Huber

Vincent van Gogh. Der berühmte spätimpressionistische Maler, der so früh unter mysteriösen Umständen starb, bekam nun unter der Regie des US-Amerikaners Julian Schnabel ein neues Filmporträt spendiert. Charakterdarsteller Willem Dafoe durfte den Künstler diesmal verkörpern und konnte ihm trotz seines Alters – er ist mittlerweile sehr viel älter, als van Gogh je werden sollte – eine so tief gehende Menschlichkeit verleihen, dass man glauben könnte, hier blicke man tatsächlich dem holländischen Maler selbst in die verlorenen Augen. Aber nicht nur schauspielerisch bietet „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ großes Kino, das jedoch wohl bewusst nicht für den Mainstream gedacht ist.

Es ist einer dieser atmosphärischen Stimmungsfilme geworden, deren Ausdruck in dieselbe künstlerische Kerbe schlagen soll wie der Künstler, den es porträtiert. Und das Experiment, das öfter schon jemand wagte, gelang prächtig: Die Kamera ist oft brutal nah an Dafoe dran … an den verschlissenen, dreckigen Textilfasern seiner Kleidung, an seinen rissigen wie spröden Künstlerhänden, an den dicken, zigmal übermalten Pinselstrichen seiner Gemälde, deren Schönheit keiner im Film wirklich erkennen mag. Man kann die Farbe förmlich riechen, schmecken. „Fiebrig“ bewegt man sich mit van Gogh mit, dem unruhigen Geist, der im ganzen Film immer nach der Sonne sucht, stattdessen aber stets nur Schatten findet. Und warum? Er machte Kunstwerke für eine andere, spätere Zeit. Nicht jedoch für die, in der er lebte. Die großen Meisterwerke, die heute jeder kennt, hängen beim ärmlichen Vincent auf dessen kargen Zimmerwänden … jene regelrecht verspottend, die sie nicht verstanden.

Soviel Zeit sich Schnabel für die Charakterzeichnung des verkannten Genies auch lässt und so wunderbar er das Gefühl seines Lebens vermittelt, so enttäuschend ist hingegen seine Entscheidung, die letzten Wochen und Monate van Goghs im nordfranzösischen Ort Auvers-sur-Oise in aller Kürze abzuhandeln.

Vincents letztes Kapitel leider unbefriedigend

Ob gewollt oder nicht: Gerade Vincents schaffensreichste und spannendste Lebensphase wird in nur wenigen Minuten schemenhaft umrissen; hier wird eine große Chance vertan. Trotz dieses doch eher unglücklichen Ausgangs – thematisch wie filmisch – gelingt Julian Schnabel ein magisches, düsteres wie lichtdurchflutetes Werk voller Schönheit und Poesie, das den großen Künstler van Gogh so zeichnet, wie er wohl tatsächlich lebte: Wie ein Gefangener seiner Zeit, unvollkommen vollkommen und inmitten eines toten Sonnenblumenfeldes. Die Sonne, sie scheint erst jetzt für Vincent.

 

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