Der mit dem e-Pedal

Das englische Wort Leaf heißt ja übersetzt Blatt, oder wie es bezüglich des Nissan Leaf kolportiert wird: Leading Environmentally-friendly Affordable Family car. Den umweltfreundlichen und leistbaren Anspruch will das rein elektrisch betriebene Auto auch in zweiter Modellgeneration erfüllen. Und ein Feature sticht besonders heraus: das e-Pedal.

Text & Fotos: Oliver Koch

Jaja, mit den E-Autos ist das so eine Sache. Sie werden gefördert, über sie wird massig viel geschrieben und jeder Hersteller muss mittlerweile einen Stromer in seiner Produktpalette haben – oder zumindest treuherzig beteuern, bald einen herauszubringen. Nissan war auf dem Gebiet Vorreiter, der Leaf wurde im Jahr 2009 in Yokohama (Japan) der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Kein Wunder also, dass der in 51 Ländern erhältliche Leaf das meistverkaufte E-Auto weltweit ist. Die Japaner ließen sich auch lange Zeit, den Erfolgsschlager gründlich zu überarbeiten, denn wie heißt es so schön: Never change a winning team.
Der im britischen Sunderland gefertigte 4,49 Meter lange E-Flitzer ist nun eckiger als sein Vorgänger und passt somit perfekt in die aktuelle Formensprache der Japaner. Dem Stand der Zeit entsprechend erstrahlen die bumerangförmigen Heckleuchten in LED-Technik, an der Front ist der Hingucker der markentypische „V-Motion“-Grill. In Summe ist er ein gefälliges Fahrzeug ohne besonders auffälligen Wiedererkennungswert. Es scheint, Nissan war bestrebt den Leaf dezidiert nicht aus seinem Modellsortiment hervorzuheben.

350 Kilometer Reichweite

In der zweiten Modellgeneration bietet der Leaf dank einer auf 40 Kilowattstunden vergrößerten Lithium-Ionen-Batterie theoretisch bis zu 378 Kilometer Reichweite. Praktisch sind zirka 350 Kilometer möglich. Geladen wird via Typ-2-Wechselstromanschluss oder CHAdeMO-Gleichstromanschluss. An öffentlichen Ladesäulen stehen im Praxistest nach etwa zwei Stunden gut 80 Prozent der Ladekapazität wieder zur Verfügung. Beim Laden an der Haushaltssteckdose benötigt der britische Japaner circa 17 Stunden.
Wie bei einem E-Auto üblich ist der Boost aus dem Stand weg phänomenal. Die Hundertermarke knackt der 1,6 Tonnen schwere Fünftürer nach 7,9 Sekunden. Zugleich liegt er jetzt viel satter auf der Straße. Ein Grund dürfte – neben der aufwendigeren Geräuschdämmung – das höhere Gewicht des Akkus im Unterboden sein, der jetzt rund 300 Kilogramm wiegt. Das Gesamtfahrzeug bringt deshalb laut Nissan etwa 75 Kilo mehr als der Vorgänger auf die Waage. Das schon beim Vorgänger angenehm ausgewogene Fahrwerk ist auch beim neuen Modell gelungen. Vor allem im innerstädtischen Bereich gefällt, wie das Fahrwerk Querfugen und Kanaldeckel pariert. Die präzise und leichtgängige Lenkung weiß auch zu betören. Sportlich und agil ist er nicht unbedingt, vielmehr der sichere und zuverlässige Begleiter, auch dank einiger Assistenzsysteme – angefangen vom Toter-Winkel-Warner über den Notbremsassistenten bis hin zu Querverkehrswarner und Müdigkeitserkennung.

Und nun zu etwas komplett Anderem: Dem e-Pedal. Diese Funktion, die via Schalter in der Mittelkonsole aktiviert wird, ist nämlich wirklich gelungen. Ist diese aktiviert, braucht man die Bremse kaum noch. Die Rekuperation ist dann so hoch, dass die Motorbremsung die meisten Verzögerungen allein bewältigt. Für das dafür nötige, sehr dosierte Vom-Pedal-Gehen sollte man jedoch eine Eingewöhnungsphase einplanen. Hat man den Dreh jedoch draußen, kann man das Fahrzeug fast ausschließlich mit einem Pedal beschleunigen und abbremsen. Die serienmäßige Funktion stoppt den Stromer sogar an Gefällen.

Das Cockpit überzeugt mit unaufdringlicher Optik und in der höchsten Ausstattungslinie Tekna mit edler Verarbeitung und Materialien. Der sieben Zoll große Touchscreen leuchtet farbenfroh und kontrastreich, die Bedienung hat man nach kurzem Studium rasch verinnerlicht. Vorne gibt es mehr als genug Platz, hinten glaubt man jedoch nicht, in einem Kompaktwagen zu sitzen, so wenig Kniefreiheit lässt der Leaf den maximal drei Fondpassagieren. Der 375 Liter fassende und solide verarbeitete Kofferraum mit seiner relativ kleinen Heckklappe zeigt vernünftige Größe. Allerdings muss man das Gepäck erst über die hohe Ladekante wuchten, um es dann wieder tief in den Kofferraum fallen zu lassen – und einen doppelten Ladeboden gibt es nicht.

Fazit: Laut Nissan wird in Europa alle zehn Minuten ein Leaf verkauft. In Norwegen ist er der populärste Pkw generell, vor sämtlichen Verbrennern – und prinzipiell ist es durchaus nachvollziehbar, warum das so ist.

Typenschein

Nissan Leaf Tekna

Preis: ab € 39.850,- inkl. Steuern und Abgaben; Testwagenpreis € 42.100,- inklusive Pro Pilot € 1200,- und Zweifarben-Lack € 1050,-; einen Nissan Leaf (Acenta) gibt es ab € 35.600,-
NoVA/Steuer: 0 %/ € 0 jährlich
Garantie: 3 Jahre bis max. 100.000 km, 3 Jahre Lackgarantie, 12 Jahre gegen Durchrostung, 5 Jahre bis max. 100.000 km auf elektrofahrzeugspezifische Bauteile, 8 Jahre bis max. 160.000 km auf Lithium-Ionen-Batterie
Service: alle 20.000 km oder jedes Jahr

Technische Daten:
Motor: Elektromotor mit 110 kW/150 PS bei 3283-9795 U/min Maximalleistung, 30-Minuten-Leistung 90 kW/122 PS, 60-Minuten-Leistung 85 kW/116 PS, max. Drehmoment 320 Nm bei 0-3283 U/min
Batterie: Laminierte Lithium-Ionen-Batterie, 40 kWh Ladekapazität
Getriebe: einstufiges Automatikgetriebe
Antrieb: Frontantrieb
Höchstgeschwindigkeit: 144 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,9 s
Leistungsgewicht: 10,64 kg/PS
Verbrauch: 20,6 kWh/100 km
VOLKSBLATT-Testverbrauch: 21,6 kWh/100 km

Eckdaten:
L/B/H: 4490/1788/1530 mm
Radstand: 2700 mm
Eigen-/zul. Gesamtgewicht: 1596/1995 kg
Kofferraum: 385 Liter
Reifen: 4 x 215/50 R17 86P auf 17“-Alus

Sicherheit:
Regelsysteme: ABS/EBV/ESP/ASR/BA/BSD/ACC
Airbags: 8