Der nächste Aufreger

Thilo Sarrazin provoziert mit Buch über Islam

Provokateur Sarrazin mit seinem jüngsten Werk.
Provokateur Sarrazin mit seinem jüngsten Werk. © AFP/MacDougall

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil forderte Thilo Sarrazin am Donnerstag zum Parteiaustritt auf. Anlass ist dessen neuestes Buch „Feindliche Übernahme — Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Darin provoziert der frühere Berliner Finanzsenators und Bundesbankvorstand mit Thesen wie dieser: „Die religiös gefärbte kulturelle Andersartigkeit der Mehrheit der Muslime“ und deren steigende Geburtenzahlen gefährdeten offene Gesellschaft, Demokratie und Wohlstand. Der rückständige Islam, den die Mehrheit der Muslime praktiziere, sorge dafür, dass es kaum gelungene Integration gebe. Sarrazin fordert, die Einwanderung von Muslimen streng zu regulieren.

Die 500 Seiten enthalten viele Verallgemeinerungen und Übertreibungen. Sarrazins früherer Verleger Thomas Rathnow wollte das nun im FinanzBuchVerlag erschienene Werk deshalb nicht herausbringen: Der Autor argumentiere „schwach“ und entwerfe ein Bild des Islams, das „einer Geißel der Menschheit gleichkommt“.

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Nicht nur aus der SPD hagelt es — wie vor zehn Jahren wegen des Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“ — harsche Kritik. Die Grünen empfinden das Buch als „Brandbeschleuniger für Hass und Gewalt“. Der Islamologe Mathias Rohe meint, das Buch sei auf „Angstmache“ angelegt. Die Einschätzungen zum Islam zeugten von einem für Sarrazin üblichen „Dilettantismus“.

Der SPD will Sarrazin übrigens treu bleiben: Er fühle sich dort „nach wie vor gut aufgehoben“.

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Hier die wichtigsten Behauptungen aus Sarrazins Buch im Detail:

– Der Islam behindere in seiner bei der Mehrheit der Muslime praktizierten konservativen Ausrichtung freiheitliches Denken, Gleichberechtigung, Geburtenkontrolle, wirtschaftlichen Erfolg und Integration. Liberale Muslime seien eine „winzige, hoffnungslose Minderheit“. Daher seien die islamischen Staaten im Durchschnitt rückständig im Vergleich mit der westlichen Welt in Bezug auf Wirtschaft, Bildung, Kultur und Demokratie.

– Gleichzeitig wiesen sowohl muslimische Staaten als auch die muslimischen Gruppen in Europa ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum auf. Muslime stellten zudem einen Großteil der aktuellen Einwanderer nach Europa.

– Der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Europa und Deutschland werde daher in den nächsten Jahrzehnten weiter deutlich steigen, argumentiert Sarrazin. Er greift dafür auf aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zurück: Rund 8 Prozent der 83 Millionen Menschen in Deutschland stammen demnach aus vorwiegend islamischen Ländern. Tendenz steigend: Bei den Kindern unter fünf Jahren ist der Anteil demzufolge bereits bei knapp 15 Prozent. „Im Durchschnitt werden 2050 14 Prozent aller Europäer Muslime sein, in Deutschland wird der Anteil bei knapp 20 Prozent liegen“, schreibt Sarrazin.

– Wegen der Größe muslimischer Gruppen, der Abschottungstendenzen, der Rückständigkeit und der Intoleranz des konservativen Islams gelinge die Integration schlechter als bei anderen Gruppen wie Osteuropäern und Asiaten.

Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält Sarrazins Kernthese („Feindliche Übernahme, Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ für nicht haltbar.

Sarrazin gehe fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, „dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen“, so Rohe.

Eine breit angelegte Untersuchung habe jedoch beispielsweise ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland. Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke.

Nicht nachvollziehbar findet Rohe auch diese Aussage Sarrazins: „Vieles deutet darauf hin, dass im Islam eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum Sich-angegriffen-Fühlen angelegt ist, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie schwer vereinbar ist.“ Kritikwürdige Verhaltensweisen wie ein falsche Ehrbegriff und Elemente einer „Machokultur“ würden hier auf die Religion zurückgeführt. Dabei finde man diese teilweise auch bei Nicht-Muslimen in Indien oder Russland.

Sarrazin spannt in seinem Buch einen Bogen vom islamischen Propheten Mohammed bis hin zum Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Baghdadi. Er schreibt: „Den vom IS ausgeübten Terror sehen er (al-Baghdadi) und seine Anhänger als den neuen Jihad. Historisch und religionsphilosophisch schließt sich hier ein Kreis.“ Aus Sicht von Rohe übernimmt Sarrazin damit die Koran-Auslegung der Terroristen. Der Islamwissenschaftler kommentierte nicht ohne Ironie: „Herr Sarrazin wäre eine wunderbare Besetzung für’s Kuratorium des Salafisten-Verbandes.“