Der Schleier des Todes liegt immer noch über Butscha

Gut einen Monat ist es nun her: Die zivilisierte Welt sprach beinahe nur noch über eine Stadt – Butscha, knapp 25 Kilometer entfernt von der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Das Leben kehrt langsam in die Stadt zurück. Vor einem stark beschädigten Haus sitzen fünf junge Burschen auf einer Bank und spielen mit ihren Handys. Bald gesellt sich ein Hund dazu und legt sich neben sie. Es wirkt beinahe idyllisch, doch allein der Gedanke schmerzt bereits.

Man stellt sich nämlich vor, was die Burschen in Butscha durchgemacht haben müssen, nachdem die Stadt schon wenige Stunden nach der russischen Invasion von den feindlichen Truppen erreicht worden war. Nach der Zerstörung eines russischen Militärkonvois mitten in der Stadt hörte der ukrainische Widerstand auf, Butscha fiel in die Hände der Besatzer.

Auf der Rückseite des Hauses, im Innenhof, kommt zum zweiten Mal kurz der Anschein einer ganz speziellen Idylle auf: Kirschblüten bedecken ein Grab wenige Meter entfernt vom offensichtlich infolge des Beschusses ausgebrannten Wohnhaus, ein hellblau angestrichenes Holzkreuz ragt heraus. Was für Leid die Menschen hier während der russischen Besatzung erfahren mussten, kann nur erahnt werden. Der Geruch von Verbranntem liegt noch immer allgegenwärtig in der Luft, auch weiterer Gestank kann wahrgenommen werden – über dessen Ursprung will man nicht sprechen.

Am bekanntesten dürfte das Massengrab am Gelände einer Kirche in Butscha sein. Hier wurden Dutzende Personen notdürftig begraben, weil die eigentlichen drei Friedhöfe zu weit entfernt lagen. Heute, wenige Wochen nach Befreiung der Stadt, ist das Gelände vom ukrainischen Militär gesichert. Aus gutem Grund: Der Besuch der Kirche wurde zum beinahe schon obligatorischen Zeichen der Verurteilung der Verbrechen in diesem Krieg. Innerhalb weniger Stunden kamen hintereinander gerade wieder drei hochrangige EU-Politiker, um ihre Solidarität zu bekunden. Was die Menschen vor Ort davon halten, wird schnell klar: Eine Art Tourismus sei hier entstanden, man schüttle nur noch den Kopf.

Am Gelände schreitet ein bescheiden wirkender Mann in schwarzer Kleidung herum: Andrij Holowin, der Priester der Kirche, die zum zentralen Symbol für die wahre Hölle auf Erden wurde. Er erzählt von dem knapp einem Monat russischer Besatzung: „Hier gab es grundsätzlich kein Militär, die Zivilbevölkerung hatte keine Waffen. Sie haben sich nur vor den Okkupanten versteckt und wollten am Leben bleiben. Diejenigen, die selbstständig versuchten, mit dem Auto zu fliehen, wurden erschossen.“ Der Geistliche erzählt kühl und nüchtern. Es ist nicht die Stimme einer klagenden Person – als Geistlicher kannte er seinen Platz während der Besatzung und auch heute: Er ist bei den Menschen, um ihnen in der schwersten Zeit ihres Lebens Trost zu spenden.

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Wie es dazu kam, dass gerade der Platz um „seine“ Kirche zum vorübergehenden Massengrab wurde? Holowin skizziert das Grauen: „Viele Menschen wurden im Umkreis getötet, überall lagen Leichen auf den Straßen – für Tage und Wochen.“ Hätte man die Toten zu den Friedhöfen transportiert, wäre man selbst getötet worden, meint der Geistliche. „Jeder, der sich bewegt hat, wurde von den russischen Okkupanten erschossen.“ Kurzerhand entschloss sich die Lokalbehörde daher, die Menschen hier zu begraben. Am 10. März wandte man sich an den Priester und „natürlich haben wir zugestimmt – noch an diesem Tag fand die erste Beerdigung statt.“

Die Tonlage Holowins wirkt weiter unaufgeregt, aus den Worten erkennt man aber auch seinen eigenen Schmerz. Über seine Gefühle möchte er nicht sprechen, es sei viel zu persönlich: „Zu viele Leute, auch Bekannte und Freunde, sind hier in Butscha gestorben.“ Mehr als 1.200 Zivilisten seien im Umkreis von Kiew zu Tode gekommen, ein Drittel davon alleine in Butscha. Sein Wunsch für die nähere Zukunft ist wenig überraschend: „Für uns ist es sehr wichtig, dass der Krieg bald endet. Wir verlassen uns auf die Unterstützung, das Verständnis und die Hilfe der gesamten zivilisierten Welt. Wenn wir diesen Krieg jetzt nicht stoppen, wird er sich weiter ausbreiten. Wir wollen hier einen friedlichen Himmel.“

Am richtigen Weg sei man hierfür aber bereits, denn, so der Geistliche, man ist bereits mit dem Wiederaufbau beschäftigt. „Wenn Sie vor einem Monat hier waren und jetzt hier sind, dann sehen Sie diesen großen Unterschied. Die Straßen werden asphaltiert, die Ampeln beginnen zu funktionieren und die Infrastruktur und Geschäfte beginnen wieder langsam zu arbeiten. Darüber hinaus kehren viele Menschen wieder in unsere Stadt zurück“, sagt Holowin. Das mag im Vergleich wohl stimmen und Hoffnung geben. Noch liegt über der Stadt jedoch der Schleier des Todes und des Leids, von zurückkehrendem Leben bemerkt man noch wenig.

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