Der Song Contest als Corona-Feldversuch

Es ist ein Feldversuch der neuen Normalität, der momentan im niederländischen Rotterdam stattfindet. Obgleich die Region mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von jenseits der 250 weiterhin als Risikogebiet eingestuft wird, geht hier mit dem 65. Eurovision Song Contest die erste Großveranstaltung ihrer Art mit Zuschauern über die Bühne. Harte Hygienemaßnahmen inklusive. Bei Gelingen könnte der ESC ein Aufbruchsignal für die gesamte darbende Branche werden.

Nachdem der größte Musikbewerb der Welt im Vorjahr ob Corona tatsächlich ausfallen musste, hatte sich die European Broadcasting Union (EBU) als Ausrichter früh darauf festgelegt, dass es 2021 wieder einen ESC geben wird – zur Not als reines TV-Event mit Videozuspielungen. Letztlich gab die niederländische Regierung Ende April dann aber doch ihr Okay für einen Bewerb mit eingeschränkter Livezuschauerschaft in der Rotterdamer Ahoy Arena, weshalb das Event nun als wissenschaftlicher Feldversuch aufgezogen wird, bei dem getestet wird, wie und ob Großereignisse auch in Coronazeiten stattfinden können.

Bei den insgesamt neun Shows in der ansonsten knapp 16.000 Menschen fassenden Halle sind jeweils 3.500 Zuschauer zugelassen – die deutlich jünger und fitter sind als sonst. Menschen über 70 Jahre sind etwa ebenso wenig zugelassen wie Personen aus den bekannten Risikogruppen. Jeder im Publikum muss sich maximal 24 Stunden vor Eintritt in die Show testen lassen – und fünf Tage danach. Und vor der großen Bühne findet sich nun der „Green Room“ mit den gerade nicht auftretenden Teilnehmern anstelle der sonst üblichen Stehplätze für die Menge, um Akteure und Publikum sicherheitstechnisch zu trennen.

Die Wege innerhalb der Ahoy Arena sind als Einbahnstraßen angelegt, FFP2-Masken sind – anders als sonst in den Niederlanden verpflichtend – außer am Platz. Dafür gilt der im öffentlichen Leben eigentlich vorgeschriebene Mindestabstand von 1,5 Metern nicht. Und nicht nur das Publikum muss sich heuer mit Coronavorgaben auseinandersetzen – auch die internationale Presse sieht sich entsprechenden Einschränkungen gegenüber. So müssen sich Akkreditierte alle 48 Stunden testen lassen, um Zugang zur Arena zu erhalten. Außerdem wurde die Zahl der Pressevertreter auf lediglich 500 beschränkt, während die Daheimgebliebenen mit einem Onlinepressezentrum versorgt werden.

Vor allem sehen sich aber auch die jeweiligen Länderdelegationen ganz neuen Regeln gegenüber. So sind alle angehalten, sich aus Sicherheitsgründen abseits der offiziellen Termine weitestgehend zu isolieren. PR-Termine müssten bei der EBU zur Bewilligung angemeldet werden. So fällt der sonst partylastige ESC-Tross heuer etwas einsamer aus als sonst. Und natürlich werden auch die Delegationen regelmäßig getestet respektive entsprechende Maßnahmen ergriffen, worüber die EBU transparent Auskunft gibt.

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So wurden am vergangenen Wochenende je ein Mitglied der isländischen und der polnischen Delegation positiv auf Covid getestet, worauf ihre Länderteams in Quarantäne und zum PCR-Test antreten mussten. Auch die im selben Hotel untergebrachten Vertreter von Malta und Rumänien wurden unter das Sicherheitskuratel gestellt. Nachdem die Tests für alle anderen Beteiligten bis auf die beiden Betroffenen negativ ausfielen, durften Malta und Rumänien dann bereits gestern im 1. Halbfinale auftreten und steht wohl auch einem Liveeinsatz von Polen und Island am Donnerstag nichts im Wege. Es sei denn, die weitere Tests zeitigen ein anderes Ergebnis.

In diesem Falle käme dann die sogenannte „Live on Tape“-Aufnahme zum Einsatz. Bereits im März musste jedes Land einen unter Wettbewerbsbedingungen stattfindenden Liveauftritt aufzeichnen und an die EBU schicken. Österreichs Teilnehmer Vincent Bueno etwa sang seine Nummer „Amen“ auf der „Starmania“-Bühne ein. Neu ist aus Präventionsgründen überdies, dass heuer die Backgroundsänger nicht mehr live singen müssen, sondern wie das Playback zugespielt werden können.

So oder so bleibt der Feldversuch Song Contest auf das eigentliche Event in der Halle beschränkt. Die traditionelle Feiermeile des Eurovision Village im Zentrum der jeweiligen Ausrichterstädte muss heuer entfallen. Das ist sie, die neue ESC-Normalität.

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