Der steinige Weg zur Macht

Auf den Punkt gebracht: Schillers „Maria Stuart“ im Landestheater

Elizabeth (Theresa Palfi) undLeicester (Alexander Julian Meile)
Elizabeth (Theresa Palfi) undLeicester (Alexander Julian Meile) © Petra Moser

Eindringlich, reduziert, auf den Punkt gebracht. So könnte man jene Version von Friedrich Schillers „Maria Stuart“ beschreiben, die Regisseurin Susanne Lietzow in ihrer vierten Arbeit für das Linzer Landestheater auf die Bühne gestellt hat. Am Freitag feierte Schillers Intrigenspiel gelungene Premiere im Schauspielhaus.

Lietzow verzichtet auf Schnörkel, reduziert den Text auf das Wesentliche, lässt dessen zeitlose Kraft auf den Zuschauer wirken. Ein Wagnis, das aufgeht, eine Inszenierung, die knapp zwei Stunden lang in ihren Bann zieht.

Gunda Schanderer und Theresa Palfi regieren

Das ist auch dem Können, der sprichwörtlichen Ausdruckskraft der Darsteller zu verdanken, die die Regisseurin fast statisch auf der Bühne agieren lässt. Sämtliche Figuren – Lietzow hat auf acht reduziert —, die die berühmte Geschichte vom Machtkampf der schottischen Herrscherin Maria gegen die britische Königin Elizabeth hier erzählen, sind fein gezeichnet. Gunda Schanderers starke Maria setzt ihre weiblichen Reize in der Art eines Vamps ein, um die agierenden Politiker für sich zu gewinnen. Am Ende geht sie, nicht ohne ihr Vermächtnis in die Köpfe eingepflanzt zu haben, hoch erhobenen Hauptes ihren letzten Weg, stilisiert sich selbst zur Märtyrerin.

Herausragend wieder einmal Theresa Palfi, die als Elizabeth alle Gemütslagen von (Selbst)Zweifel über Trotz bis zur unbarmherzigen Wut durchlebt, eine Königin, die am Versuch, ein blutiges Ende zu vermeiden und sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen, gnadenlos scheitert. Gelungen auch der dramaturgische Kniff, aus dem Off die Gedanken der Protagonisten hörbar zu machen, sie so an ihrem inneren Zwiespalt teilhaben zu lassen.

Christian Taubenheim überzeugt als unbarmherziger Burleigh, Alexander Julian Meile als opportunistischer, stets auf den eigenen Vorteil bedachter, feiger Leicester, der zwischen den beiden Königinnen hin- und hergerissen ist. Benedikt Steiner steht als Mortimer auch für jugendlichen Enthusiasmus, die Bereitschaft, alles für ein Ziel zu geben. Die Männer ziehen im Hintergrund die Fäden, verfolgen eigennützig ihre Strategien. Aus den einzelnen Charakteren lässt Lietzow ein Panoptikum an Verhaltensweisen entstehen, die in der Politik wohl zeitlos sind und bringt Konflikte von heute aufs Tapet, Stichwort EU, Europa, Brexit.

Dass der französische Gesandte gnadenlos überspitzt zur Klamaukfigur und Frankreich als dekadenter Sündenpfuhl dargestellt wird, darüber lässt sich diskutieren. Immer wieder blitzt Lietzows Sinn für Humor auf, auch das typisch Britische bietet ihr Anknüpfungspunkte.

Kostüme und Bühne holen die tragische Geschichte ins Heute. Elizabeth wird in Chanel-Kostümen zur Stilikone, zum zeitlosen Symbol. Die Männer steckt Kostümbildnerin Marie Luise Lichtenthal in britische Maßanzüge, die Uniform der Politikerkaste.

Im Vordergrund mit einem langen Bürotisch nüchterne Sitzungsatmosphäre, die Stiegen (Bühne: Aurel Lenfert), auf denen Maria Stuart ihr graues Gefängnisdasein ständig über allem wachend fristet, sind so steil, dass man sich fürchtet, die Protagonisten könnten jeden Augenblick fallen. Die Seile, mit denen sie gesichert sind, lassen sie auch als Marionetten am Gängelband der Geschichte zappeln.

Großartig die pointiert eingesetzte Musik von Gilbert Handler, die das Geschehen unterstützt, von kammermusikalischen Thrillerelementen bis zur Ballade zum Abgesang von Maria in der der Art von Nick Cave. Ein Abend, für den sich das Publikum mit viel Applaus bedankte und der wärmstens zu empfehlen ist.

Wie ist Ihre Meinung?