Der Triumph des Wasserflohs

Angelo Branduardi vergnügte sich mit Band im Linzer Brucknerhaus

Angelo Branduardi
Angelo Branduardi © Swiss Musictour

Von Christian Pichler

Die Auftaktnummer „Si può fare“ (Man kann es tun) wegweisend. Man kann alles tun oder: es auch lassen. Laufen oder singen oder schreien, hassen oder lieben. Angelo Branduardi tat seins, er saugte einen ganzen Kosmos in sich auf. Musik über die Jahrhunderte hinweg, Märchen und Sagen, Komponisten der Renaissance. Zuletzt auch Musik von Hildegard von Bingen („Il cammino dell‘anima“), dem Mann ist herzhaft wurscht, was jeweils als zeitgemäß gilt.

Der 69-Jährige mit prächtigem grauem Wuschelkopf, beschuht mit praktischen schwarzen Espandrillos. Der Große Saal im Linzer Brucknerhaus war am Dienstag sehr gut gefüllt, Jubel der „gnädigen Damen und Herren“ empfängt den Maestro aus Cuggiono bei Mailand. Er spricht formidables Deutsch, erzählt gerne kleine Geschichten. Vom Seemann, den es zum Nordpol zog und der erfror (man kann es tun). Vom irischen Dichter William Butler Yeats, der Geigern ein Denkmal setzte.

Die Geige ist Branduardis Braut

Denn die Geige ist Branduardis Braut, ihr gibt er sich hin. Vier ausgezeichnete Musiker begleiten ihn, der Keyboarder spielt auch „mittelalterliche“ Instrumente ein. Was ist „echt“? Verbissen wär’s, einzig einem ohnehin ungewissen „Originalklang“ hinterherzujagen.

Branduardis Stimme sanft und stark, seine Musik transparent, klar und heiter. Wie komplex das Einfache ist, deutet er nach der Pause mittels Elektronik und Fußpedal an. Passagen eines Geigensolos gespeichert und abgerufen, Steigerung zu einem vielstimmigen Wohlklang. Der zweite Teil überwiegend besänftigend, der Liedermacher sitzend mit Gitarre. Ein wunderbar weiches „Alla fiera dell’est“, die Bearbeitung eines jüdischen Passah-Liedes. Branduardi ein Kosmopolit, der idiotische Rechthaberei der Religionen zerstäubt.

Er lässt San Francesco, den Hl. Franz von Assisi, auf den Sultan von Babylon treffen, in tragender Rolle auch eine Dirne („Il Sultano Di Babilonia E La Prostituta“). Den „Sonnengesang“ von Franziskus rezitiert und vertont, ein ganzes Album hat Branduardi dem „unendlich kleinen“ Heiligen gewidmet („L’infinitamente Piccolo“, 2000).

Ich ist immer viele, Branduardi selbst definierte sich einmal als „Italiener, Kelte und Jude“. Am Ende der Song, der ihn auch hierzulande bekannt machte. Ein triumphales und instrumental ausgekostetes „La Pulce D’Acqua“, der „Wasserfloh“ lässt die Menge aufspringen und mitklatschen. Zumindest zwei Frauen befreien sich von der Sitzordnung und starten seitlich eine Minidisco. Man kann es tun. Man kann dem Körper die Freude gönnen und losfetzen. Mächtige Beifallswellen.

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