Der verdammte Kreislauf der Gewalt

Landestheater Linz: Klassiker „Liliom“ in einer Inszenierung, bei der der Funke kaum überspringt

Ein schräges Paar: Liliom (Helmuth Häusler) und Julie (Theresa Palfi)
Ein schräges Paar: Liliom (Helmuth Häusler) und Julie (Theresa Palfi) © Herwig Prammer

Es ist eine Krux mit dem Liliom. Ist der Kerl ein gewalttätiger Brutalo, der sein Leben nicht auf die Reihe kriegt, oder ein eh ganz liebenswerter Strizzi, dem manchmal die Hand ausrutscht.

Auch wenn das gleichnamige Stück von Franz Molnár Anfang des 20. Jahrhunderts in Budapest entstanden ist und dort spielt, wurde es zum Wiener Klassiker. Nahezu alle großen Namen am Theater haben den Liliom gegeben, häufig die Strizzivariante. Das ist seit Jahren vorbei, so auch am Freitagabend bei der Premiere des Stücks am Landestheater Linz. Geprobt hat Regisseur Peter Wittenberg mit seinem Ensemble vor vielen Monaten, Corona verhinderte die Premiere im März. Nun hatten Darsteller und Regisseur nur ein paar Tage Zeit, alles aufzufrischen.

Lag es an der kurzen Zeit, oder an anderen Umständen: So richtig wollte der Funke nicht überspringen. Helmuth Häusler als Liliom ist weder der abgestumpfte Agro-Schläger, noch das Opfer, das nie gelernt hat, seine Emotionen anders als durch Gewalt auszudrücken. Vielmehr bleibt sein Liliom blutleer, hölzern.

Raum für die Frauen

An seiner Seite agiert Theresa Palfi als Julie. Anfangs ganz und gar nicht schüchtern und unerfahren bietet sie Lilioms Arbeitgeberin Frau Muskat (Sebastian Hufschmidt — er meistert als Einspringer seine Aufgabe, auch als Konzipist im Himmel, überzeugend) die Stirn. Erst Lilioms Unberechenbarkeit lässt sie glaubhaft zerbrechen. Gemeinsam mit Isabella Campestrini als Freundin Marie und Tochter Luise bildete Palfi am Premierenabend das Fundament der Inszenierung. Wittenberg gibt den weiblichen Figuren Raum, stellt die weitreichenden Folgen der Gewalt, die Liliom seiner Frau und seiner Tochter mitten ins Gesicht drischt, in den Mittelpunkt.

Von Beginn weg sind die Figuren allesamt — auch äußerlich (Kostüme: Hanna Rode) — deformiert: da fehlt vieles, dafür ist anderes zu viel. Die Figuren skurril überzeichnet, mittendrin der naturalistisch agierende Liliom. Was im Himmel wunderbar funktioniert, hakt davor.

Sie werden ewig leiden

Nach der Hochzeit mit Julie, Schwangerschaft, einem misslungenen Überfall und Selbstmord, landet Liliom im cool in Szene gesetzten Himmel (Bühne: Florian Parbs, „Big Brother“ lässt grüßen). Lang und mühsam gerät dabei die Szene des Überfalls, man giert in den Zuschauerreihen nach Tempo.

Nach 16 Jahren kommt Liliom zurück auf die Erde, um Gutes zu tun — und versagt. Richtig stark gelingt Wittenberg das Ende mit Palfi und Campestrini: Nicht der zur Verdammnis verfluchte Liliom, Frau und Tochter werden für alle Ewigkeit unter der Gewalt leiden.

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