Der wache Blick auf Welt und Menschen

„I love you :-)“: Prächtige Werkschau aus 35 Jahren zur Künstlerin Iris Andraschek im Lentos

Iris Andrascheks Beitrag zum Pflegethema, nach Gesprächen mit Beteiligten und Betroffenen: „About Care. ONLY LIFE“ von 2021
Iris Andrascheks Beitrag zum Pflegethema, nach Gesprächen mit Beteiligten und Betroffenen: „About Care. ONLY LIFE“ von 2021 © Andraschek/Bildrecht, Wien/M. Grabner

Getreidekörner rieseln nicht munter, sondern tröpfeln nur spärlich aus einem Saatguttrichter. Die Installation hat etwas Groteskes, Comic-haftes.

Der Schundheftl-geschulte Betrachter denkt an einen Verdurstenden in der Wüste, der die Zunge nach einem Tropfen Wasser streckt. Der Hintergrund des heuer für die Schau im Linzer Kunstmuseum Lentos gestalteten Werks „Getreideautomat“ ein gänzlich unlustiger.

Schon während Corona begannen vormalige Gewissheiten zu zerbröseln, Lieferengpässe von Getreide schienen möglich. Der Krieg in der Ukraine hat die globale Situation noch einmal verschärft. Ernährungssicherheit? „Das kann sich schnell ändern“, sagt die 1963 in Horn (Waldviertel) geborene Künstlerin Iris Andraschek.

Alles fließt

Die große Kunst des Zuhörens. Der Besucher lernt in dieser Ausstellung: offene Augen, offenes Ohr. „I love you :-)“ zeigt im Lentos eine Werkschau zu Andraschek aus den vergangenen 35 Jahren. Der Titel entlehnt einem Projekt in München 2017, als Andraschek mit jungen Menschen arbeitete und Bändchen mit Sprüchen bedrucken ließ. „I love you“ war da ein beliebtes Motiv und macht nach Meinung Andrascheks „vieles möglich“ in der Ausstellung.

Denn die Themen sind breit gefächert, überlagern sich, fließen ineinander. Wasser eines der zentralen Elemente, Donauwasser und Fundstücke am Flussufer. Und wieder: Humor. „Witz hat etwas mit Ernst zu tun“, sagt Andraschek. In „Aquarien“ (1992 bis 2022) schweben Objekte wie fremdartige Meerestiere, torkeln leere Jägermeister-Flascherl im von Pumpen angetriebenen Wasser. Hommage auch an das Unnütze, Weggeworfene.

Landwirtschaft in ihren globalen und alternativen Formen, Soziales und Ökologie und im Hintergrund die große Politik. Groß? Das Drama der Pflege spielt sich im „Kleinen“ ab. Für die Installation mit ausuferndem Titel „About Care, ONLY LIFE (Memories burn like a forest fire. B. Eilish)“ aus dem Jahr 2021 sprach Andraschek wochenlang mit Pflegenden und Betreuten, destillierte daraus ein gefliestes Badezimmer, etwa mit (im Museum) grotesk platzierten Haltegriffen, Badewanne, Kinderstuhl und Schriftbändern, darauf Essenzielles zu lesen: „Schnell und zwischendurch Ernährung ist ein großes Thema.“

Die Menschen

Und immer wieder Menschen, auf Fotos, Videos. Andraschek selbst als Akteurin in einem Video, mit dem sie auf eine weitere Dummheit auf Facebook reagierte: Junge Frauen hatten sich in einem Filmchen exponiert, ihre Körper bemalt etc. Viele Kommentare waren gehässig, reichten von verfehltem Leben bis Pornografie. Seltsam nur, dass dieselbe Aktion, allerdings von Männern, vorwiegend freundliche Kommentare hervorrief.

Andraschek, mehrfach national und international ausgezeichnet, darunter 2015 der Österreichische Kunstpreis für Bildende Kunst, überbrückt Räume, überbrückt Zeiten. „Ich bin hier“ von 2021 entstand im öffentlichen Raum der Stadt Krems und widmet sich den Schicksalen jüdischer Frauen im Nationalsozialismus. Mehrere Monate waren auf 106 temporären, mit Leimfarben bemalten Teppichen die biografischen Daten von Vertriebenen, Deportierten, Ermordeten zu lesen. In Form von Schablonen, einer äußerst verdichteten Form von Erinnerungskultur, die anzeigt: Etwas/jemand fehlt!

Die Würde

„Eine großartige Ausstellung, die auch wichtige zeitgemäße gesellschaftspolitische Fragen aufgreift“, sagt die Linzer Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer freudvoll. Mit Andraschek hinaus in die Welt, in einen Ort nahe Toronto/Kanada, wo sie Produzenten von biologischer Babynahrung besuchte und ein bargeldloses Tauschsystem kennenlernte, in dem auch ökonomisch Benachteiligte würdig handeln können.

Mit Andraschek ins Mühlviertel, wo Maria und Willi Prechtl eine Mühle und eine Bio-Fischzucht betreiben. In die Türkei an der Grenze zu Syrien, wo Andraschek zur sogenannten Aleppo-Seife recherchierte: Relikte traditioneller Seifenerzeugung auf Basis von Lorbeeröl, Kriegsflüchtlinge in Industrieruinen. Weiter in die chinesische Megacity Chongqing, in der 32 Millionen Menschen leben.

Viele Bauern, die das Regime für den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms zwangsumsiedelte. Reste der bäuerlichen Kultur finden sich unter Brücken oder auf Hochhausdächern. „Fragile Territorien/Chongqing“ (2017) nennt Andraschek diese Arbeit. Ist die Würde des Menschen antastbar?

Von Christian Pichler

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