„Destillat des Oberösterreichischen“

Franzobel über sein Stück „Hanni“, das im März im Brucknerhaus Uraufführung feiert

Der gebürtige Oberösterreicher Franzobel setzt sich in „Hanni“ mit dem Schicksal einer besonderen Frau auseinander.
Der gebürtige Oberösterreicher Franzobel setzt sich in „Hanni“ mit dem Schicksal einer besonderen Frau auseinander. © Julia Haimburger

Am 10. März feiert im Linzer Brucknerhaus das Auftragswerk „Hanni. Monolog mit Musik“ aus der Feder von Franzobel und mit Musik von Gerald Resch seine Uraufführung.

Die Schauspielerin Maxi Blaha schlüpft in die Rolle der heute 99-jährigen Hanni Rittenschober, die als junge Frau Zeugin der Mühlviertler Hasenjagd wurde und sich mit Mut und Herz den Herausforderungen stellte, die das Leben für sie bereithielt.

VOLKSBLATT: Wie sind Sie auf Johanna Rittenschober aufmerksam geworden?

FRANZOBEL: Zufällig, durch ihren Sohn, den Fotografen Joseph Gallus Rittenberg. Mich hat ihre Geschichte sofort gepackt und eine Hundertjährige lernt man auch nicht alle Tage kennen.

Wie war die Begegnung mit ihr?

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Familiär, weil immer ihre ganze Familie anwesend war. Das war stets eine große Tafel mit vielen netten Menschen, die alle etwas zu erzählen wussten. Söhne, die Tochter, Hanni selbst … gemeinsam haben wir ihr Leben umgegraben. Angefangen beim Vater, der noch im Sautrog schlafen musste, bis herauf zur Gegenwart, wo sie in einem Altenheim lebt.

Was hat Sie an ihr und ihrer Geschichte am meisten beeindruckt?

Sie ist in unvorstellbarer Armut aufgewachsen, hatte wirklich kein leichtes Leben, ist dabei aber immer humorvoll und menschlich geblieben. Keine Heldin der großen Geschichte, aber eine Heldin des Alltags, die alles für ihre Familie getan hat und trotz einem schweren Schicksal lustig und humorvoll geblieben ist. Eine starke Frau.

Was ist das Besondere daran, an einem Einzelschicksal große Geschichte nachzuzeichnen?

So wird Geschichte erst begreifbar und nachvollziehbar. Die Ereignisse der Weltgeschichte brechen über die kleinen Leute herein wie Naturkatastrophen und jeder versucht, so gut als möglich durchzukommen. Die meisten Menschen sind ja nicht nur gut oder böse, jeder hat Schwächen und Fehler, allen wird viel abverlangt, aber ein paar schaffen es halt trotz widrigster Voraussetzungen, anständig und glücklich zu sein, und von denen kann man viel lernen. An so einem Leben sieht man erst, wie gut wir es eigentlich haben.

Als einfache Frau hat Hanni instinktiv gewusst, was das Richtige ist und Menschen geholfen. Das erinnert an Franz Jägerstätter, den auch seine innere Überzeugung angetrieben hat. Woher beziehen solche Menschen ihre Kraft?

Aus dem Glauben! Bei Franz Jägerstätter war es der Glaube an Gott, der ihm diese Kraft gegeben hat. Bei Hanni war es der Glaube an die Familie und an das Leben. Sie hatte einen Hallodri als Mann, ist ihm aber immer treu geblieben. Viele Menschen haben ihr böse mitgespielt, aber sie ist nicht verbittert. Sie muss diese Kraft aus sich selbst geschöpft haben. Sehr bewundernswert.

Hanni hat als junge Frau die Mühlviertler Hasenjagd erlebt und wurde gemeinsam mit ihrem Vater zu Arbeiten im KZ Mauthausen gezwungen. Haben Sie sich im Zuge der Recherchen mit Andreas Grubers „Hasenjagd“ befasst?

Ich kenne den Film, habe ihn mir aber nicht mehr extra angesehen. Hannis Erzählungen von diesem grauenvollen Geschehen waren eindrücklich genug.

Auch Franz Innerhofer hat sich mit dem Schicksal dieser besonderen Frau befasst. Kennen Sie den Text und ist davon etwas eingeflossen?

Ja, ich habe „Die Scheibtruhe“ von Franz Innerhofer gelesen und darin einige Geschichten wiedergefunden, die ich auch von Hanni selbst gehört hatte. Ansonsten war meine Herangehensweise doch eine andere. Innerhofer, den ich sehr schätze, schreibt sehr klar. Bei mir ist es eher eine üppige Kunstsprache, ein poetisches Destillat des Oberösterreichischen.

Inwieweit sind Sie an der Inszenierung beteiligt?

Überhaupt nicht. Ich gebe meine Texte immer in die Verantwortung der Regie und bin dann gespannt, was dabei herauskommt. Ich könnte nie mit Schauspielern arbeiten, diese exaltierte Überdrehtheit ist mir viel zu überspannt. Da bleibe ich lieber in meiner Schreibkammer.

Welche Rolle spielt die Musik?

Schon der Untertitel „symphonischer Monolog“ zeigt, dass der Text sehr rhythmisch ist. Vielleicht könnte er sogar gesungen werden. Im besten Fall bildet er mit der Musik eine Einheit, einen großen Klangkorpus.

Hanni Rittenschober feiert am Tag der Uraufführung ihren 99. Geburtstag und wird, wenn möglich, dabei sein. Eine Situation, auf die man sich einstellen muss?

Ich hoffe, sie lacht nicht zu laut … Nein, Hanni ist trotz ihrer Neunundneunzig eine coole Socke, die an dem Abend sicher ihre Freude haben wird. Aber etwas Besonderes ist es natürlich schon.

Mit FRANZOBEL sprach Melanie Wagenhofer

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