Deutlich weniger Pleiten im Coronajahr

Das Coronakrisenjahr 2020 hat zu einem starken Rückgang der Pleiten geführt. Der Grund waren die staatlichen Wirtschaftshilfen. Insgesamt gab es 10.981 Firmen- und Privatinsolvenzen, um 31,6 Prozent weniger als im Vorjahr, wie die Creditreform errechnet hat. Die Firmenpleiten gingen um 41,5 Prozent zurück – auf den niedrigsten Stand seit 1990. Aber es gibt 50.000 insolvenzgefährdete Firmen im Land. Die Privatpleiten sanken auf das Niveau von 2006 (minus 26,8 Prozent).

Die nach Schulden größte Firmenpleite war jene der Commerzialbank Mattersburg (700 Mio. Euro Verbindlichkeiten), gefolgt von der Anglo Austrian AAB AG (früher Meinl Bank, 287 Mio. Euro) und der Kremsmüller Industrieanlagenbau KG aus Oberösterreich (115 Mio. Euro). Nach Arbeitnehmern war die Restaurantkette Vapiano (700 betroffene Mitarbeiter, 32 Mio. Euro Schulden) die größte Pleite. Von den Insolvenzen zweier KGs aus der Kremsmüller-Gruppe waren zusammen mehr als 1.100 Arbeitnehmer betroffen. Bei der ATB Spielberg GmbH arbeiteten 396 Menschen (Verbindlichkeiten: 28 Mio. Euro).

Die Insolvenzursachen waren 2020 erstmals nicht hauptsächlich Managementfehlern geschuldet, sondern Kapitalmangel, erklärte der Gläubigerschutzverband am Donnerstag. Die Zahl der eröffneten Verfahren ging um 42 Prozent auf 1.800 Fälle zurück, jene der mangels Vermögen abgewiesenen Verfahren um knapp 40 Prozent auf 1.200 Fälle.

Einer der Gründe für den starken Rückgang waren die massiven Wirtschaftshilfen bzw. wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die die Regierung im Zuge der Coronakrise erlassen hat. Als Beispiel nannte Creditreform das teilweise Aussetzen der Insolvenzantragspflicht. Derlei Maßnahmen „sind aber auch verantwortlich für die abnormale Insolvenzentwicklung, in der sich die tatsächliche wirtschaftliche Situation der Unternehmen nicht widerspiegelt“, so Creditreform-Geschäftsführer Gerhard Weinhofer, der erneut dafür plädierte, „das Insolvenzrecht mit seinem bewährten Sanierungsinstrumentarium wieder uneingeschränkt und damit eine Marktbereinigung zuzulassen.“ Eine Verlängerung der Hilfsmaßnahmen brächte nur dem Staat mehr Schulden und würde den Überlebenskampf vieler Unternehmen lediglich hinauszögern.

Im stark vom Tourismus abhängigen und unter der Coronakrise besonders leidenden Westen Österreichs sind die Unternehmenspleiten heuer laut Hochrechnung von Creditreform besonders stark zurückgegangen: in Tirol um 57,5 Prozent, in Vorarlberg um 51,5 Prozent und in Salzburg um 50,6 Prozent. In Wien gab es mit knapp 11 Insolvenzen pro 1.000 Firmen die höchste Insolvenzbetroffenheit, in Vorarlberg mit 3,5 von 1.000 Unternehmen die geringste. Der Österreich-Schnitt lag bei knapp mehr als 6 von 1.000 Betrieben. Der Rückgang der Firmenpleiten erfolgte quer über alle Branchen.

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Laut Creditreform dürfte die große Pleitewelle noch kommen – spätestens, „wenn wieder das freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte zugelassen wird und staatliche Regulierungen – seien sie noch so gut gemeint – zurückgefahren werden“. Aktuell sind den Gläubigerschützern zufolge rund 50.000 Unternehmen insolvenzgefährdet, sie hätten nur dank der jahrelangen Niedrigzinsen überlebt und könnten sich momentan nur dank der Hilfsmaßnahmen über Wasser halten. Der Zahltag werde kommen, für die Unternehmen und für die Steuerzahler.

Das Paradoxon – hohe Arbeitslosigkeit/Krise, aber wenige Pleiten – gab es auch im privaten Bereich. Die Zahl der eröffneten Schuldenregulierungsverfahren ist 2020 um knapp 27 Prozent auf 7.300 gesunken. „Die Österreicherinnen und Österreicher sparen angesichts der unsicheren Wirtschaftslage und aus Angst um einen möglichen Jobverlust mehr als sonst. Das zeigt auch der bisher schwach anlaufende Weihnachtskonsum“, so Weinhofer. Auch die Kurzarbeit sowie Kredit- und Zinsmoratorien hätten den Leuten finanziell geholfen. Die Hauptgründe für eine Privatinsolvenz waren auch heuer der Verlust des Arbeitsplatzes, die gescheiterte Selbstständigkeit und der sorglose Umgang mit Geld.

Im Österreich-Schnitt wurden heuer 12 von 10.000 Erwachsenen zahlungsunfähig. In Wien waren es mit 19 von 10.000 weit mehr. In der Bundeshauptstadt gab es auch absolut gesehen die höchste Zahl an Privatinsolvenzen (2.739 Fälle), um 29,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Den größten Rückgang der Privatpleiten verzeichneten Tirol (minus 37,1 Prozent) und das Burgenland (minus 36,8 Prozent).

Die Aussichten sind nicht unbedingt rosig: „Sollte der Wintertourismus nicht in die Gänge kommen und dadurch weiter viele Jobs verloren gehen, die Wirtschaft und der Binnenkonsum nicht schnellstmöglich nach der erhofften Impfmöglichkeit anspringen, wird der finanzielle Druck auf die Menschen steigen und mehr in die Schuldenregulierung führen“, so Creditreform. „Dann werden die Privatinsolvenzen sicher wieder auf mehr als 10.000 Fälle p. a. steigen.“

Creditreform hat in seine Berechnungen Daten bis inklusive 3. Dezember einfließen lassen und diese auf die verbleibenden Werktage im Jahr hochgerechnet, wie es auf APA-Anfrage hieß.

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