Dichterinnen erfanden die Moderne

Stifterhaus: Werkausgaben von Lavant, Gerstl, nicht von Haushofer

Gunda Schanderer vom Linzer Landestheater las aus dem Werk von Christine Lavant.
Gunda Schanderer vom Linzer Landestheater las aus dem Werk von Christine Lavant. © Stifterhaus

Christine Lavant — der Nachname ein Pseudonym — wollte unerkannt schreiben. Doch ihre Identität wurde nach der aufsehenerregenden Erzählung „Das Krüglein“ (1949) rasch gelüftet.

Unerhörter Realismus, grobe Anfeindungen die Folge, die Kärntner Dichterin überlegte, aus dem Lavanttal wegzuziehen.

Anlass für eine Zurechtrückung

Lavant war die erste, wie Klaus Amann betont, die über kranke behinderte Kinder, ledige Mütter oder Stallknechte erzählte (und von geizigen Großbauern und selbstgerechten Geistlichen). Amann, Herausgeber der Lavant-Werkausgabe, findet es „unvorstellbar, eine solche Autorin fünfzig Jahre zu unterschätzen“. Er nennt Ilse Aichinger, Lavant und Ingeborg Bachmann, mit denen die literarische Moderne in Österreich begonnen hätte, „und zwar in dieser Reihenfolge“.

Das gebündelte Werk von zwei maßgeblichen Autorinnen war am Montag im Linzer Stifterhaus Anlass für eine Zurechtrückung. Gunda Schanderer vom Linzer Landestheater las, die 1973 verstorbene Lavant berückend lebendig in ihren Texten. Zärtliche, wilde, unfassbar direkte Lyrik. Das Scheitern ihrer Lebensliebe zum Maler Werner Berg desaströs, Lavant erholte sich nie von dem Tiefschlag. Gezeichnet schon als Kind von lebensgefährlichen Krankheiten, von Mitschülern gehänselt („do kummt die Hex“), erzählt Lavant von der erbarmungswürdigen Kreatur Mensch. Dies auch auf formal komplexe Weise von einer Frau, die lediglich eine dreiklassige Volksschule besucht hatte. Lavant verheizte Teile ihres Werks oder gab es Freunden zum Lesen.

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Dichterin des Flüchtigen mit jenseitigem Humor

Verstreut auch das Werk der 2009 verstorbenen Elfriede Gerstl. Vieles auf Bierdeckeln, Rechnungen etc. notiert, eine Menge Arbeit für die Gerstl-Herausgeberin Christa Gürtler. Fantastisch pointierte Gedichte Gerstls, die den Naziterror als jüdisches Kind in Verstecken in Wien überlebt hatte. Eine Dichterin des Flüchtigen mit geradezu jenseitigem Humor, die im Gedicht „april 1945“ unerreicht lakonisch das Überleben feiert: „a bissal gfiacht/a bissal gfreid/hauptsach ausn kölla/aussegräud“.

Anders als Lavant und Gerstl erhält Marlen Haushofer keine Werkausgabe, was heuer zum 50. Todestag der großen Steyrer Autorin doch naheläge. Jahrelange Vorarbeit sei geleistet worden, sagt Petra-Maria Dallinger, Direktorin des Stifterhauses. Aber es spießt sich bei Urheberrechten, die hauptsächlich beim deutschen Verlag Ullstein bzw. List liegen. „Traurig“ nennt das höflich Dallinger, „skandalös“ die Literaturkritikerin Daniela Strigl: „Das Problem ist, dass sich ein Konzern nicht schämt. Wer schämt sich in einem Konzern?“

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