Die Ahnung vom Ende: Gerhard Roths letzter Roman „Die Imker“

Der Weltuntergang kommt in Gestalt eines undurchdringlichen gelben Nebels, der sich rasch ausbreitet und sich vor den Fenstern einer Psychiatrischen Klinik wie eine Mauer aufbaut. Wer von ihm verschlungen wird, verschwindet. Zurück bleiben Kleiderhaufen, Schmuck, Eheringe und das eine oder andere künstliche Gebiss. So beginnt jener Roman, den der am 8. Februar gestorbene Dichter Gerhard Roth hinterlassen hat, und der dieser Tage, illustriert von Erwin Wurm, ausgeliefert wird.

„Die Imker“ heißt das über 500-seitige Buch, das seinen Titel einerseits von seinem Protagonisten und Erzähler Franz Lindner alias Wilhelm Hermann und seiner Affinität zu Bienen bezieht, die er an die kleine Schar Überlebender weitergibt, die versuchen, ihr künftiges Zusammenleben zu organisieren. Andererseits wird auch Pieter Bruegels gleichnamige Federzeichnung, die drei Gestalten mit Schutzmasken zeigt, die mit Bienenstöcken hantieren, während ein in einem Baum hockender Bub ihnen offenbar den Bienenschwarm stiehlt, beschrieben. Es ist ein rätselhaftes Bild, in seiner vieldeutigen Auslegungsmöglichkeit durchaus Roths Roman entsprechend. Bruegels berühmtes Gemälde „Die Jäger im Schnee“ wird übrigens vom Erzähler umstandslos aus dem Kunsthistorischen Museum mitgenommen, denn auch vom Aufsichtspersonal sind nur noch Kleiderhaufen übrig. Später bereichert auch Rembrandts eigentlich in der National Gallery in London befindliches Gemälde „Das Gastmahl des Belsazar“ die exquisite Mini-Kunstsammlung der Imker.

Bienen haben Roth seit jeher fasziniert und nicht nur in seinem Roman „Landläufiger Tod“ (1984), in dem der „verrückte“ Imkersohn Franz seinen Erstauftritt hat, ihre Spuren hinterlassen. Vor allem ist aber ganz explizit das „Haus der Künstler“ in der niederösterreichischen Landesnervenklinik Maria Gugging, mit dessen Insassen sich Roth Zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat, der Ausgangspunkt. Seine Insassen, Ärzte und Besucher überstehen auf wundersame Weise den Angriff des Killernebels und unternehmen in der Folge Erkundungsfahrten, die an das Szenario von Thomas Glavinic‚ 2006 erschienenen Roman „Die Arbeit der Nacht“ erinnern: Die Welt scheint menschenleer. In der Folge der plötzlichen Entvölkerung haben sich überall die schrecklichsten Unfälle ereignet: Autos sind zusammengestoßen, Züge entgleist, Flugzeuge abgestürzt. Überall brennende oder ausgebrannte Wracks. Doch nirgendwo blutige Opfer, verstümmelte Leichen, sondern bloß Kleider und Utensilien, die auf die früheren Lenker und Passagiere schließen lassen.

„Die Imker“ sind das nachgelassene Opus summum von Gerhard Roth. Die Frage, was normal und was „verrückt ist“, zieht sich durch das Geschehen, von dem nie ganz sicher ist, ob es sich als Realität oder als Möglichkeit, als Fakt oder als Gedankenexperiment ereignet. „Ein sogenannter Geisteskranker ist ein Schutzbefohlener der Gesellschaft, die alles nur nach dem Faktor der Nützlichkeit beurteilt“, heißt es einmal. „Dabei ist es die sogenannte Normalität, die für die gesamte Geschichte der Menschheit verantwortlich ist: Kriege, Diktaturen, die abscheulichsten Verbrechen sind fast ausschließlich von normalen Menschen begangen worden.“

Essayartige Einschübe etwa über Fotografie (Roth hat unermüdlich fotografiert und auch zahlreiche Fotobände veröffentlicht), über die Filme Andrei Tarkowskis, über die Varroa-Milbe oder – als Lindners „geheime Dissertation“ – über „Die Geschichte der Bienen“, finden sich ebenso wie „Gedichte“ genannte Abschnitte mit teils völlig absurd anmutenden Sätzen, die als Sprachbilder willkürliche Behauptungen aufstellen. „Flöhe sind das Alphabet der Katzen“ etwa, oder: „Alte Schuhe werden als Vasen verwendet, in manchen Familien als Notenständer.“

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Der Hauptstrang, das Organisieren eines Lebens nach der Katastrophe, das in Kasernen und Klöstern organisiert wird, hält ebenfalls immer wieder Überraschungen bereit: Es gibt doch Überlebende, Tiere wie Menschen, offenbar hauptsächlich jene, die aus welchen Gründen auch immer zum Zeitpunkt des gelben Nebels gefangen waren. Eine SOS-Kinderdorfgruppe, die sich vor einem Unwetter in eine Höhle geflüchtet hatte, stößt zu den „Imkern“, oder ein Feldwebel, der in der Kaserne von seinen Kameraden eingesperrt worden war. Das alles wirkt wenig konsistent, doch es handelt sich bei „Die Imker“ um keinen herkömmlichen Katastrophenroman, und mit Logik kommt man gar nicht weiter.

Lebewesen lösen sich nach ihrem Tod buchstäblich in Luft auf; Franz kann über Gedankenübertragung mit Tieren sprechen und sich sogar vogelgleich in die Lüfte erheben; vom Himmel regnet es Spielzeug; ausgebrochene Vulkane erinnern an vergangene Urzeiten. Sogar die Schwerkraft lässt immer wieder aus. Die Arbeitshypothese lautet: Die Erde ist verrückt geworden. Die Menschen haben sie um den Verstand gebracht. Nichts ist, wie es vorher war. Und damit ändert sich für jene, die ihrer Umgebung immer schon anders gegenübergetreten sind als der Rest der Mitmenschen, genaugenommen gar nichts. Und auch die Menschen ändern sich nicht. Bei Hubschrauber-Erkundungsflügen werden im Norden weitere Überlebende gesichtet. Die „Kolonie“ zieht gegen die „Imker“ zu Feld – auch angesichts des Untergangs beherrschen Konkurrenz statt Solidarität, Krieg statt Gemeinsamkeit das „normale“ Denken. Das ist das aktuelle und erschreckend düstere Vermächtnis, das uns Gerhard Roth mit diesem Buch hinterlassen hat.

Der Roman schließt mit einem „Nachwort“: „Franz Lindners Aufzeichnungen wurden sechs Monate nach seinem Tod im ,Haus der Künstler‘ gefunden. Sie befanden sich in einem Karton mit Schreibwerkzeugen und Notizbüchern. Er trug die Aufschrift: VERBRENNEN.“

(S E R V I C E – Gerhard Roth: „Die Imker“, mit Illustrationen von Erwin Wurm. S. Fischer Verlag, 560 Seiten, 32,90 Euro)

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