„Die Alternative ist die Zelle“

Arman T. Riahi und sein intensiver Film über eine Häfenschule

Filmemacher Arman T. Riahi
Filmemacher Arman T. Riahi © Michael Mazohl

Arman T. Riahi war mit seinem neuesten Film „Fuchs im Bau“ der Abräumer beim heurigen Filmfestival Max Ophüls und heimste gleich drei Preise ein.

Darunter jene für Buch und Regie — für beides zeichnet der 40-jährige Filmemacher verantwortlich, der bereits mit „Die Migrantigen“ einen österreichischen Kultfilm geschaffen hat. Am 8. Juni eröffnet „Fuchs im Bau“ die Diagonale und soll dann regulär ins Kino kommen.

VOLKSBLATT: Gratulation zu den drei Preisen! War es da heuer besonders schade, dass das Festival nur im Netz stattgefunden hat?

ARMAN T. RIAHI: Ja, total. Wir haben mit den „Migrantigen“ beim Ophüls auch einen Preis gewonnen und haben dann total gefeiert. Festivals sind genau dazu da, dass man zusammenkommt, die Filme und die Filmemacher zelebriert. Das ist uns jetzt von Corona genommen worden. Aber das geht ja nicht nur uns Filmemachern so. Die Festivalmacher haben aber heuer auch alles dafür gemacht, damit so eine Art Festivalfeeling aufkommt. Bei den „Migrantigen“ waren halt alle Vorstellungen damals ausverkauft. Jetzt gab es ein Publikumsgespräch via Zoom mit 15 Leuten. Das war auch schön, aber es ist einfach nicht zu vergleichen.

„Die Migrantigen“ haben Sie als Komödie erzählt, warum wurde „Fuchs im Bau“ ein Sozialdrama?

Es ist deswegen der Film geworden, der er geworden ist, weil ich jahrelang in der Josefstadt in der Gefängnisschule recherchiert habe. Da ließ sich beim besten Willen keine Komödie draus machen. Es wäre dem Thema nicht gerecht geworden. Da sitzen 14-jährige Kids drinnen, die schauen aus wie zehn, bringen vier Stunden im Unterricht kein Wort über die Lippen, starren auf den Boden und haben Tränen in den Augen. Das geht sich für mich einfach nicht aus. Dafür waren mir die Themen Strafvollzug und Bildung zu sensibel.

Hinter dem Film steckt, denke ich, eine sehr aufreibende Recherche.

Ja, die ersten paar Male war ich schon ziemlich mitgenommen, als ich im Gefängnis war, mit den Kids über ihre Geschichten geredet habe. Ich habe mich dann aber immer mehr darauf gefreut, ins Gefängnis zu gehen und die Jugendlichen zu treffen. Die Häfenschule war für mich so eine Auszeit von der Welt. Die Kids dort sind auch gerne in der Klasse, weil die Alternative ist die Zelle. Dort sind sie 24 Stunden minus zwei Stunden Ausgang im Hof.

Es gab ja konkrete Vorbilder für die Lehrer. Wie viel kam dann noch von Ihnen dazu?

Ich habe den ehemalige Sonderpädagogen der Justizhaftanstalt Josefstadt, Wolfgang Riebniger, als Vorbild genommen, bin dann aber auch auf eine ehemalige Salzburger Gefängnislehrerin gestoßen, die total geliebt worden ist von den Jugendlichen. Die hat bei der Kunstfigur Elisabeth Berger auch mitgemischt. Meine Eltern sind Lehrer und ich hatte in meinem Leben auch für mich sehr maßgebliche Lehrer. Da ist von allen etwas drinnen.

Der Lehrer Hannes Fuchs ist am Anfang wie ein Alien, ist Identifikationsfigur für all jene, die ein Häfengefängnis nicht kennen. Steht er deshalb auch im Mittelpunkt Ihrer Erzählung?

Ja, der Fuchs steht am Anfang von der Geschichte auch für mich selbst. Wie ich ins Gefängnis gekommen bin mit den Augen eines Greenhorns. Die wenigsten Leute wissen überhaupt, dass es Gefängnisschulen gibt. Dieser Ort ist für die meisten Menschen so fremd, dass ich mir gedacht habe, dass es eine schöne, sanfte Einführung wäre, wenn ich das aus den Augen eines Neuankömmlings erzähle.

Die Besetzung ist total auf den Punkt. Wie sind Sie auf die Darsteller gekommen?

Als ich die Entscheidung getroffen habe, dass der Lehrer eine Lehrerin sein muss, ist mir sofort meine Lieblingsschauspielerin aus Österreich in den Sinn gekommen. Mit Aleksandar Petrovic (spielt den Hannes Fuchs, Anm.), der einer meiner engsten Freunde ist, habe ich am Buch gearbeitet und dann war da die Frage „Könnte das eine Frau sein?“ Ich habe geantwortet: „Wenn es eine Frau ist, dann kann es nur Maria Hofstätter sein“ Am nächsten Tag habe ich ihr das Buch zukommen lassen, mit dem Berger noch als Mann. Sie hat dann innerhalb eines Tages zugesagt. Dann ging es Schlag auf Schlag. Alle haben sofort zugesagt, weil sie von dem Buch angetan waren.

Wie sind Sie zu den Jugendlichen gekommen?

Die haben wir über ein Jahr aus 400 gecastet. Das war heftig, weil wir große Angst hatten, dass der Film scheitert, weil die Jugendlichen nicht authentisch genug sind. Weil die Kids im Gefängnis schon einen ganz eigenen Blick haben, eine ganz eigene Verzweiflung. Das lässt sich nicht von jedem spielen. 90 Prozent der jugendlichen Darsteller sind Laien, zwei oder drei, darunter Luna Jordan, haben Schauspielerfahrung. Wir haben mit den Jugendlichen auch sehr früh zu proben begonnen. Ich habe auch den ganzen Dreh um sie herum gebaut. Auch den visuellen Stil vom Film habe ich ein bisschen daran angepasst. Ich wollte, dass nicht irgendwelche Stative und Kameras herumstehen.

War es möglich, Jugendliche, die im Gefängnis sind, mitmachen zu lassen?

Es kommen welche vor, ich sage aber nicht, wer. Ich habe mit den Kids viel geredet, ob das echt ist, was wir machen. Es ist schon durch einige Kontrollen gegangen von jenen, die selbst Erfahrungen im Gefängnis haben.

Ganz bedrückend sind jene Szenen, wo die Schüler vom „normal“ wirkenden Klassenzimmer in die Zellentrakte zurückgehen. Unweigerlich fragt man sich, wie Jugendliche „besser“ aus einem Gefängnis ins normale Leben zurückkehren können, als sie hineingegangen sind. Wie beantworten Sie diese Frage?

Ich habe die Haftbedingungen filmisch ein bisschen überspitzt, moderne Gefängnisse in Österreich schauen nicht mehr so düster aus. Nichtsdestotrotz sind die Kinder dort eingesperrt. Ich glaube, dass für Jugendliche, die mitten in ihrer Entwicklung sind, Haft, so wie wir sie kennen, einfach nicht funktioniert. Ganz ehrlich, wen treffe ich im Gefängnis? Ich werde jetzt keine Heiligen treffen. Ich treffe natürlich auch Kids, die vielleicht mehr auf dem Weg sind, Berufskriminelle zu werden, weil sie schon mehr Dreck am Stecken haben. Ich habe Kids kennengelernt, die waren schon zum fünften Mal dort, mit 16! Das Gefängnis macht meiner Meinung nach noch mehr Verbrecher. Da müsste man sich mal zusammensetzen und ‘was anderes überlegen. Früher hatten die Kids wenigstens ihr Jugendgefängnis. Das ist nicht so, wie wenn man mit Schwerverbrechern in der Josefstadt zusammen sitzt. Natürlich nicht in einer Abteilung, aber das ist trotzdem ein Gebäude. Das macht schon sehr viel mit den Jugendlichen.

Inwiefern hat denn die Pandemiezeit Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich habe nicht Glück im Unglück gehabt, sondern Unglück im Glück, weil mein Film ist fertig geworden. Manche haben nicht mehr fertig drehen können. Das Problem war nur, dass dann viele Festivals abgesagt wurden und der Kinostart sich verschoben hat, Dadurch ist ist die Geburt des Films schon ziemlich unter die Räder gekommen, was weh tut.

Was kommt als Nächstes?

Ich habe u.a. mit meinem Bruder eine Komödie über einen sehr reaktionären österreichischen Hausbesorger geschrieben, der ab dem Tag seiner Pension zu schrumpfen beginnt, und mit Roland Düringer besetzt. Wir hoffen, dass wir das finanzieren können. Wenn das klappt, können wir dieses Jahr noch zu drehen beginnen. Ansonsten arbeite ich auch an einigen deutschen Produktionen, auch an einer deutschen Serie. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo mir gute Sachen angeboten werden. Es gibt genug zu tun jetzt.

Mit Regisseur und Autor ARMAN T. RIAHI sprach Mariella Moshammer

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