Die „andere Seite“ des Anton Bruckner

Brucknerfest: Chorus Viennensis begeisterte mit Chorwerken der Spätromantik das Linzer Publikum

Michael Schneider leitete den Chor mit Bravour.
Michael Schneider leitete den Chor mit Bravour. © LIVA

Im Rahmen des Brucknerfestes fand im Linzer Brucknerhaus am Freitag ein besonderes Chorkonzert statt. Vor einem halbvollen Mittleren Saal gastierte der Chorus Viennensis mit Chorwerken der Spätromantik, vor allem aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Leere im Saal war bedrückend, wobei die Coronabedingte Sitzplatzreduzierung sich mit einem leider doch schütteren Besuch multiplizierte. Mit großer Routine und bedeutendem Einsatz gestaltete der Chorus Viennensis diesen Abend. Der Chor – 1952 gegründet – umfasst derzeit 60 Sänger, 21 davon auf der Bühne. Herausstechend dabei die Disziplin, die Aufmerksamkeit auf den Dirigenten, die saubere Intonation und vor allem die Freude am Singen. Dirigent und Leiter dieser Chorvereinigung ist Michael Schneider.


Er bringt trotz seiner Jugend eine sehr wohltuende und logische Phrasierung und Dynamik ein. Angenehm ist für die Zuhörer die genaue Wortinterpretation und die Textverständlichkeit. Unter dem großen Bogen „Eine musikalische Lebensreise“ fanden sich Chöre, deren Wurzeln und Entstehung im spätromantischen Chorleben dieser Zeit zu finden sind, u.a. von Franz Liszt (1811–1886), Johannes Brahms (1811–1897), Felix Mendelssohn-Bartoldy (1809–1847) und Robert Schuhmann (1810–1856).

Im Zentrum des Programmes standen aber neun Chöre von Anton Bruckner (1824–1896). Diese Werke zeigen eine tiefe Verbundenheit Bruckners mit dem traditionellen Chorwesen des 19. Jahrhunderts. Bruckner war wohl schon während seiner Lehrerausbildung in der Linzer Präparandie (Museumsgasse) bei der Liedertafel „Frohsinn“ als Sänger tätig. Wie sehr Bruckner mit dieser Liedertafel verbunden war, bezeugt seine Komposition eines Wahlspruches für ihren gemischten Chor über einen Text von Karl Kerschbaum – lautend „Das Frauenherz, die Männerbrust, durchglüht das Lied, mit gleicher Lust“.

Von den vorgetragenen Chören Bruckners aus der Zeit zwischen 1843 und 1877 atmen einige noch den Geist des romantischen Männer-Chorliedes: Vom starken, plötzlich einsetzenden Fortissimo bis zum nahezu gehauchten Pianissimo mit den Tenören im Falsett.

Gerade die beiden letzten Chöre „Am Grabe“ (1861) und „Trösterin Musik“ (1877), die den Abschluss bildeten, sind schon in der unverkennbaren Tonsprache Bruckners komponiert. Das Konzert gab dem Publikum Gelegenheit, zum einen den „anderen“ Bruckner kennenzulernen und zum anderen mit freundlichem Applaus als Zugabe das „Tafellied“ von Bruckner zu erklatschen. Schade, dieses Konzert hätte ein volles Haus verdient.

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