Manfred Maurer

Meinung

von Manfred Maurer

Die andere Türkei

Ekrem Imamoglus Triumph bei der Istanbuler Bürgermeisterwahl lenkt den Fokus auf eine unter Erdogan aus der Wahrnehmung verdrängten Türkei: Dort leben nicht nur rückwärtsgewandte Kopftuchfetischisten, die Atatürks säkulares Erbe durch eine islamistisch gelenkte Pseudodemokratie ersetzen wollen und dabei schon weit vorangeschritten sind.

Es gibt auch die andere Türkei: Ein modernes, an westeuropäischen Werten orientiertes Land, dessen Bürger sich nicht von religiösen Eiferern die Art zu leben vorschreiben lassen wollen.

Diese andere Türkei, die hierzulande übrigens wegen der naiven Politikern geförderten Dominanz fundamentalistisch-nationalistischer Milli-Görüs-Vereine ebenfalls zu wenig sichtbar ist, hat am Sonntag ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben.
Noch wäre es verfrüht, das Ende der Erdogan-Herrschaft auszurufen. Aber die Chance für eine Wende ist nun wieder gegeben.

Die EU sollte darauf vorbereitet sein. Derzeit liegen die Beitrittsverhandlungen auf Eis — mit der einfachen und einleuchtenden Begründung: Erdogan.

„Noch wäre es verfrüht, das Ende der Erdogan-Herrschaft auszurufen.“

Was aber, wenn die andere Türkei ans Ruder kommt, wieder auf Modernisierungskurs segelt und den EU-Hafen ansteuert? Auch dann werden die 82 Millionen Türken auf absehbare Zeit nicht beitreten können. Aber dies zu argumentieren, wird für die EU etwas schwieriger.

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