„Die Aschenbecher waren noch voll“

Liedermacher: Der Linzer Rudi Müllehner veröffentlicht als RAUL das Album „Da Regn is nu woam“

Theatermann und Musiker Rudi Mühllehner
Theatermann und Musiker Rudi Mühllehner © Schneider

Rudi Müllehner leitet, gemeinsam mit Cornelia Metschitzer, die Tribüne Linz. Das vom Virus erzwungene Stillhalten nutzte der Linzer Theatermann, um als RAUL („Rudi aus Linz“) seine Leidenschaft als Liedermacher auszuleben.

Das Album „Da Regn is nu woam“ vereint ältere und neu komponierte Lieder, es erscheint am Mittwoch.

VOLKSBLATT: Wie geht’s Ihnen, wie geht’s der Tribüne?

RUDI MÜLLEHNER: Am 7. März war ich das letzte Mal auf der Bühne. Wenn man, wie ich, eine Rampensau ist, fehlen einem Bühne und Publikum sehr. In der Tribüne fanden im Oktober ein paar Vorstellungen statt, jetzt ist wieder geschlossen. Wir versuchen aber, konstruktiv zu sein und planen schon vor für die Zeit „nach Corona“. Das gibt uns Halt. Wir sind uns sicher, dass unser Publikum uns nicht vergisst und wiederkommt. Wir alle müssen jetzt einfach ein bisschen geduldig sein. Dafür wird es nachher wieder umso schöner. Das klingt vielleicht naiv, für mich ist es aber die einzig mögliche Haltung in dieser Situation.

Ältere Semester denken bei „Raul“ zunächst an den ehemaligen Torjäger von Real Madrid. Haben Sie den noch erlebt?

Er ist ja meine Generation und ich habe ihn als Fußballer immer bewundert. Momentan ärgert er mich aber, weil wenn man „Raul“ googelt, immer er kommt und nie ich. Ein Tipp: Bei „Raul Liedermacher“ komme ich.

Wie kamen Sie zum Singen, wie ist das Verhältnis von Theater- und Liedermacherei?

Im Alter von 15 Jahren habe ich begonnen, Gitarre zu spielen und habe auch gleich dazu gesungen. Das Theater kam später über mich, so mit 18 Jahren. Da stand ich das erste Mal schauspielend auf einer Bühne und habe Blut geleckt. Dann bin ich Schauspieler geworden, aber immer auch Musiker geblieben.

Sie knüpfen an eine Chanson-Tradition an, an deutsche Liedermacher wie Reinhard Mey. Musik zum genaueren Hinhören. Eine Botschaft auch in einer Zeit, die sich während der „Normalität“ sehr laut gebärdete?

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Ja, definitiv. Ich glaube an die Kraft der Schlichtheit. Während der Aufnahmen im Studio habe ich gesagt: „Wir lassen alles weg, was uns nicht fehlt.“ Übrig geblieben sind meine Gitarre und meine Stimme. Ich habe mir von Florian Wöss von Frogmountain Records in Wilhering, wo ich das Album aufgenommen habe, einen Sound gewünscht. Ich habe gesagt: „Wenn man die CD einlegt, soll man das Gefühl haben, dass ich im Wohnzimmer sitze und spiele.“ Ich finde, er und Michael Haider von AlphaMastering haben das ziemlich gut hinbekommen.

Wunderschön trotzig finde ich, wie Sie liebevoll Unzeitgemäßes kultivieren. In „Novembergefühle“ gibt es noch „volle Oschnbecher“ oder zwei, die zusammen „pudlnockat im Gros“ liegen. „Im Caféhaus“ ein Loblied des klassischen, analogen Anbratens. Liegt falsch, wer Ihnen Nostalgie unterstellt?

Ich werde im Jänner 46 Jahre alt. Dass ich keine 20 mehr bin, spiegelt sich auch in meinen Liedern. Als ich das Lied „Novembergefühle“ geschrieben habe, waren die Aschenbecher auch tatsächlich noch voll. Also meiner zumindest. Und nostalgisch bin ich sowieso.

Ein Klassiker für Tribüne-Fans ist „A Speckbrot und a Lachsbrot“. Über die unmögliche Liebe zwischen einer „dodn Sau“ und einem Fisch …

Zwei, die aus völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen, begegnen sich nach dem Tod und verlieben sich. Sie bemerken, dass sie gar nicht so unterschiedlich sind, wie sie gedacht haben. Aber die Erkenntnis kommt zu spät: Sie sind bereits dazu bestimmt, verspeist zu werden.

Das Leben ist kurz, die Liebe hoffentlich groß?

Ich glaube, dass die Liebe einem überall und ständig begegnet. Wir lassen uns nur ständig von Nebensächlichkeiten ablenken. Unser Hauptfokus liegt doch dauernd auf irgendwelchen völlig unwichtigen Dingen. Noch mehr Termine, noch mehr Kunden, noch mehr Geld, noch mehr Premieren, noch mehr Zuschauer. Ich sag: Runter vom Gas. Den Kindern zuhören und den Alten, den Käfern und den Störchen zuschauen, Igeln beim Überwintern helfen, Hunde streicheln. Kurz: Die Liebe genießen.

Dem Virus entkamen Sie beim Komponieren nicht, Sie schrieben das Lied „Das Spiel (Mensch gegen Corona)“. Im Publikum dieses existenziellen Fußballspiels die Allegorien Flora und Fauna, die rufen: „Corona, g’winn!“ Schwarzer Humor ein Ausweg aus der vertrackten Lage?

Schwarzer Humor ist für mich ein Überlebensmittel. Eine satirische Sicht auf die Dinge zu haben, ermöglicht es mir oft, dass ich lachen kann anstatt weinen zu müssen. Und manchmal ist mein Humor richtig grauslich. Da muss man mich dann schon kennen, um zu wissen, wie ich´s meine. Ich versuche, das in der Öffentlichkeit zu vermeiden. In Liedern kann man aber schon wieder recht weit gehen. Die weltweit vertrackte Lage hat für mich ebenfalls mit dem Fokus auf unwichtige Dinge zu tun. Noch mehr Macht, ein noch größeres Reich, noch mehr Einfluss. Die Frage „Wozu?“ kann dir aber niemand zufriedenstellend beantworten.

Mit RUDI MÜHLLEHNER sprach Christian Pichler

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