Die Baumeister unseres Landes

„Die österreichische Volkspartei ist eine neue Partei, sie ist eine junge Partei, sie ist keine Partei von gestern, sie ist eine Partei von heute und morgen. Als Partei der Gewissensfreiheit ist sich die ÖVP der kulturellen Aufgaben unseres Volkes und einer langen Tradition bewusst, sie kämpft für die Freiheit der Religion, für die Freiheit der Wissenschaft, der Presse und der Kunst.“ Wenn im zweiten Satz dieses Zitats vom Eintreten für die Freiheit die Rede ist, macht das deutlich, dass das Zitat älteren Datums sein muss. Tatsächlich stammt es von Heinrich Gleißner, aus dem Gründungsjahr 1945, über das Wesen der Gesinnungsgemeinschaft der oberösterreichischen Volkspartei.

Der ÖVP Landtagsclub ca. 1945-49 © Oö. Landesarchiv

Freiheit von Wissenschaft, Religion, Presse und Kunst sind heute selbstverständlich. Mit dem Bekenntnis zur Freiheit machte Gleißner 1945 deutlich, dass etwas Neues entstanden war und zog eine klare Trennlinie zur Vergangenheit.

Wir wissen aus der Geschichte, dass sich die politischen Strömungen des bürgerlichen Lagers nicht gerade durch besondere Liberalität hervorgetan haben. Im Rückspiegel sehen wir das deutlicher.

Vor 75 Jahren wurde die Oö. Volkspartei gegründet

Der Mai 1945 stand für Neuanfang! Am 8. Mai war der 2. Weltkrieg verspätet auch in Oberösterreich beendet. Bereits am 9. Mai wurde die neue Oberösterreichische Volkspartei aus der Taufe gehoben. In regelmäßigen Zusammenkünften in der Wohnung des Landesbeamten Josef Zehetner, Museumstraße 18, in Linz wurde dieser Neuanfang vorbereitet. Zehetner war also der erste Obmann der ÖVP, aber nur inoffiziell, weil die Amerikaner im Gegensatz zu den Sowjets noch keine politischen Parteien zuließen. Die frühe Zulassung politischer Parteien durch die Stalin-Diktatur hatte aber nichts mit besonderer Österreich- oder Demokratiefreundlichkeit zu tun, sondern war politisches Kalkül.

Johann Blöchl leitete zehn Jahre während der sowjetischen Besatzung die Zivilverwaltung Mühlviertel. ©Oö. Landesarchiv

Überall im sowjetischen Einflussbereich wurden Parteien zugelassen, um sie dann zu Bündnissen mit den Kommunisten zu zwingen. Kommunisten übernahmen in diesen bald die Vorherrschaft, ein Weg, der meistens direkt in die Volksdemokratie geführt hat. Den Sowjets ist das in Ostdeutschland gelungen, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Rumänien und in Bulgarien. Nur in den österreichischen Besatzungszonen nicht. Das wird bei der Betrachtung der jüngsten Geschichte oft übersehen.

Großen Anteil an der Entwicklung hatten natürlich die ersten freien Wahlen am 25. November 1945. Von allen politischen Beobachtern sind damals die Kommunisten in ihrer Stärke etwa auf 20 bis 25 Prozent eingeschätzt worden. Das tatsächliche Wahlergebnis bei den Nationalratswahlen 1945, den ersten demokratischen in der 2. Republik, sah vollkommen anders aus: Sie hatten österreichweit gerade etwas mehr als 5 Prozent, in OÖ überhaupt nur 2,6 Prozent.

Felix Kern war von 1945 bis 1955 Landesrat. ©Oö. Landesarchiv

Gerade dieses Ergebnis zeigt den demokratischen Reifungsprozess, den die tragische Entwicklung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei den politischen Spitzenrepräsentanten und auch bei den Menschen ausgelöst hat. Der Rückblick auf das Gründungsjahr der 2. Republik zeigt für mich ein entscheidendes Faktum: Beide Supermächte, die nach 1945 die Welt geprägt haben, haben die Oberösterreicher, was ihre demokratische Reife anlangt, dramatisch unterschätzt. Das ist ein sehr positiver Befund.

Dankbar ist heute an jene zu denken, die in den schwierigen ersten Nachkriegsjahren bereit waren, Verantwortung für das Land und für die Gesinnungsgemeinschaft zu übernehmen. Es ist beachtlich, dass Persönlichkeiten, die selbst in Konzentrationslagern gequält wurden, kaum aus Krieg und Gefangenschaft zurück, wieder begannen, sich demokratisch zu engagieren, um unsere Gesinnungsgemeinschaft zu gründen.

Ein klares Bekenntnis zur Demokratie, entschiedenes Eintreten gegen jede Art von politischem Extremismus und die Etablierung einer neuen politischen Kultur der Zusammenarbeit war der Wille der Gründer. Sie gehören damit nicht nur zu den materiellen, sondern auch zu den geistigen Baumeistern unseres Landes, weil sie die tragenden politischen Bewegungen ins Leben gerufen haben.

Zu nennen sind die Namen Josef Zehetner, Josef Stampfl, Albert Schöpf, Franz Lorenzoni, Franz Schütz, Felix Kern, Jakob Mayr und natürlich Johann Blöchl, der zehn Jahre während der sowjetischen Besatzung die Zivilverwaltung Mühlviertel geleitet hat, und Heinrich Gleißner, der spätere und frühere Landeshauptmann von Oberösterreich.

In seinen Lebenserinnerungen hat Blöchl 1969 geschrieben: „Wenn mich jemand fragt, welche Zeit die schönste im öffentlichen Leben war, dann muss ich sagen, die schwerste Zeit war die schönste. Alles hat Hand angelegt am Wiederaufbau unserer Heimat und alles war ausgerichtet auf das große Ziel: Auf unser Recht und auf unsere Freiheit.“

Wir waren nicht nur 75 Jahre als österreichische Volkspartei erfolgreich, sondern vor allem auch erfolgreich für unser Land Oberösterreich. Natürlich denken wir nicht so, dass nur eine Partei in diesem Land alles geschaffen hat. Wir danken in dieser Stunde selbstverständlich auch den politischen Mitbewerbern. Politischer Wettbewerb ist notwendig, meist ist er auch in guter Kultur verlaufen.

Oberösterreich ist eine große Gemeinschaftsleistung. Alles, was wir an Großem erreicht haben, haben wir gemeinsam erreicht – aber immer unter der Führung der Oberösterreichischen Volkspartei. Das macht uns auch heute, am 75. Geburtstag, ein wenig stolz.

Werte immer wieder neu in die Gegenwart übersetzen

Da ist auch meinen Vorgängern Heinrich Gleißner, dem Landeshauptmann des Wiederaufbaus und Neubeginns, Erwin Wenzl, dem Weichensteller und Baumeister des modernen Oberöstereich, Josef Ratzenböck, dem Impulsgeber eines offenen wirtschaftlich erfolgreichen und kulturell hochstehenden Landes, besonders zu danken.

Beliebt: Landeshauptmann Heinrich Gleißner. ©Oö. Landesarchiv

Ich durfte 22 Jahre diese Aufgabe weiterführen und Thomas Stelzer führt nun unser Land und unsere Gesinnungsgemeinschaft wieder erfolgreich in eine vollkommen neue Welt und Zeit, die von neuen Phänomenen geprägt ist: demografischer Wandel, Digitalisierung, gigantische Fortschritte in Forschung und Technik. Der aber auch, wie gerade jetzt, mit neuen Herausforderungen kämpft, etwa Corona und den damit verbundenen Problemen, oder mit dem Mammut-Thema Pflege.

Die OÖVP hat sich stets als Oberösterreich-Partei verstanden, und konnte das in Stadt und Land auch immer wieder sein. Nie hätten wir in diesem von Industrie geprägten Land bei den Landtagswahlen Mehrheiten erreichen können, wenn wir nur den ländlichen Raum erreicht hätten. Es ist den Verantwortlichen gelungen, unsere Ideen in Stadt und Land mehrheitsfähig zu machen.

An unserem 75. Geburtstag blicken wir nicht nur zurück, sondern vor allem in die Zukunft! Wir brauchen unsere Werte nicht auszuwechseln. Wir müssen sie aber immer wieder neu in die Gegenwart übersetzen. Der Begriff des 2. Vatikanischen Konzils von Johannes XXIII. „Aggiornamento“ – „ins Heute Bringen“, „Verheutigen“ – diese Aufgabe, die können auch wir nicht vernachlässigen.

Ich bin überzeugt, die Volkspartei wird auch in Zukunft jene Partei sein, die der bessere Seismograf ist, wenn es darum geht, zu erkunden, wohin die gesellschaftliche Reise geht. Und sie wird immer den Mut aufbringen, entsprechende Entscheidungen rasch zu treffen. Sie wird weiterhin die Partei der Oberösterreicher sein.

Jene Partei, die die Menschen nicht alleine lässt mit ihren Sorgen, jene Partei, die auf einem ordentlichen Wertefundament basiert, aber mit dem Kopf weit voraus ist, perspektivisch, visionär, mit viel Mut zur Veränderung. Erinnern wir uns an ein Wort unseres legendären Landeshauptmannes Heinrich Gleißner: Das Entscheidende an einer Epoche ist nicht die Ernte, sondern die Aussaat! … Denn nur wer reichlich sät, wird auch reichlich ernten!

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