Die Carmen aus der Telefonzelle

Die Wiener Staatsoper gräbt eine Uralt-Inszenierung aus

Vera-Lotte Boecker, Anita Rachvelishvili, Slavka Zamecnikova (hinten) und Piotr Beczala
Vera-Lotte Boecker, Anita Rachvelishvili, Slavka Zamecnikova (hinten) und Piotr Beczala © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Bogdan Roscic ist mit seinem Konzept, alte Inszenierungen der Wiener Staatsoper gegen alte Inszenierungen, die er einkauft, auszutauschen, erstaunlich gut durch gekommen.

Andere Direktoren hätte man dafür wohl gerüffelt. Nun gibt es also eine neue „Carmen“ des umstrittenen Katalanen Calixto Bieito (die Produktion ist, nebenbei bemerkt, auch schon 22 Jahre alt!) anstelle der klassischen Interpretation von Franco Zeffirelli. Die Unterschiede könnten kaum tiefer greifend sein.

Keine Volants und keine Kastagnetten

Kein pittoreskes Sevilla mehr, keine Volants, keine Kastagnetten, kein „Milieu“ zwischen Schenke, Schmugglern in den Bergen und dem glanzvollen Auftrieb rund um einen Stierkampf. Auch keine laszive Erotik, für die Carmen steht, sondern nur brutale Verführung, Elendsmilieu, Sex und Gewalt deutlich ausgespielt. Dazu ein paar Versatzstücke auf leerer Bühne.

Carmen tritt aus einem Telefonhäuschen auf, ein paar Autos genügen als Dekoration, der Chor wird nicht realistisch, sondern choreografisch-stilisiert geführt. Ja, und die hier gar nicht schüchterne Micaela möchte gern ein Selfie mit ihrem Don José machen. Damit man auch weiß, dass man sich „heute“ befindet. Eine andere Welt? Gewiss. So, wie man die Dinge auf Regie-Ebene heutzutage gerne sieht.

Selten sah man eine so „brutale“ Carmen

Ist es auch ein anderes Stück? Selten hat man eine so „brutale“ Carmen gesehen wie die genesene Georgierin Anita Rachvelishvili, die mit der Kraft ihres Körpers, den sie ungehemmt einsetzt, und ihres riesigen, leuchtenden Mezzo alles überrennt. Raffinesse und Eleganz, die man diesem Werk auch nachgesagt hat (was sogar eine seiner Stärken ist), gehen hier total verloren.

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Aber immerhin bekommt man an Stelle dessen eine eindrucksvoll starke Leistung geboten, unterstützt von Andrés Orozco-Estrada, der ein stürmisch-elastisches Dirigat liefert und das schwierige Stück perfekt in der Hand behält.

Sehr gut auch die Besetzung der beiden Herren mit Piotr Beczala (eingesprungen für den erkrankten Charles Castronovo) als bedauernswerten, weil angesichts einer solchen Frau chancenlosen Don José und Erwin Schrott, der allerdings nicht den üblichen, eleganten Torero Escamillo geben darf, sondern eher einen Strizzi. Es sind berüchtigt schwierige Rollen, die hier auf hohem Niveau erfüllt werden.

Am Ende siegte das Werk. Das ist so stark, dass es manchen alternativen Blick, den man darauf werfen kann, übersteht. Und in seiner Wirkung auch über die Bildschirme kommt, weil die Wiener Staatsoper tapfer ihre Premieren-Vorhaben auch in Corona-Zeiten weiter zieht – im Fernsehen und per Stream.

In Radio Ö1 wird die Produktion am 27. Februar ab 19.30 Uhr ausgestrahlt.

Von Renate Wagner

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