Die Coolness, die Scham

Sally Rooneys famoser Roman „Gespräche mit Freunden“

Sally Rooney: Gespräch mit Freunden. Luchterhand Verlag, 384 S., € 20,60
Sally Rooney: Gespräch mit Freunden. Luchterhand Verlag, 384 S., € 20,60 ©

Von Christian Pichler

Die Lobpreisungen auf dem Buchrücken machen erst einmal stutzig. Renommierte Autorinnen wie Zadie Smith und Celeste Ng loben, „Sex And The City“-Ikone Sarah Jessica Parker lobt („Ich habe es an einem Tag gelesen“). Halten die Versprechen?

„Ich berührte seine Gürtelschnalle und sagte: Wir können miteinander schlafen, wenn du willst, aber du musst wissen, dass ich das nur ironisch tue.“ Fast alle reden sie so in Sally Rooneys Romandebüt „Gespräche unter Freunden“ (Übersetzung: Zoë Beck). Die Ironiefalle stets im Hinterkopf, manchmal verheddern sie sich auch darin. Über alles reden sie, ihre Geilheit, ihre Gefühle, über Politik. Manche heiße Kartoffel wird interessanterweise nur selten angefasst: Geld und soziale Herkunft.

Es geht um die wesentlichen Dinge

Die Story denkbar simpel, junge Frau und verheirateter Mann begehren einander. Die Ich-Erzählerin Frances (wohl kaum ein Zufall der Anklang an den kultigen Indie-Film „Frances Ha“) und die witzig- anarchistische Bobby sind Freundinnen seit der Schulzeit. Beide Anfang zwanzig, sie studieren in Dublin, sie hatten auch schon eine intime Beziehung miteinander. Sie lernen ein Ehepaar kennen, Nick ist 32, Melissa noch ein paar Jahre älter. Frances und Nick beginnen eine Affäre, was sich nicht unerwartet als reichlich vertrackt erweist.

Sally Rooney, Jahrgang 1991, in Dublin lebend, gelingt ein bemerkenswertes Kunststück. Von Anfang an sehr unterhaltsam und interessant, entwickelt sich das Geplänkel zur Lovestory, ohne jemals ins Flache oder in Klischees abzudriften. Kaum, dass es der Leser bemerkt hätte, geht es um wesentliche Dinge. Um die Angst, zu verletzen und verletzt zu werden. Um Treue, um die Scham, die Masken aus Coolness und Ironie verhüllen. Ganz fein zieht Rooney diese Masken ab, tastet sich in den Gesprächen zu dem vor, das Liebe und Freundschaft sein könnte.

Schatten fallen auf Frances’ Existenz, die keine kindliche bleiben wird. Die sich aufzulösen droht, sich entwickelt. Ein famos geschriebenes Buch, das sich in einer Hinsicht besonders von deutschsprachigen Erzeugnissen unterscheidet: Menschen haben einen Unterleib. Sie können damit Lust empfinden, sie können dort auch Schmerzen haben. Frances nennt Details, und es ist keineswegs peinlich oder platt, sondern anschaulich und erhellend.

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