Die erste Leiche des Weltkrieges

80. Jahrestag des Ausbruchs des 2. Weltkrieges. Tragödien wie dieser große, brutale Krieg werden an den Einzelschicksalen ganz unmittelbar erkennbar und hautnah spürbar. Und gleich am Anfang des Zweiten Weltkrieges — konkret am 31. August 1939 um 20.00 Uhr abends — steht ein solches Einzelschicksal. Die Ermordung des auf deutschem Gebiet an der Grenze zu Polen lebenden Landmaschinenvertreters Franz Honiok (41). Er musste in der Tragödie beim Sender Gleiwitz für die NS-Diktatoren als Komparse auftreten. Letzter Akt: Sein tatsächlicher Tod!

Der 41-jährige deutsche Landmaschinenvertreter Franz Honiok ging als erstes Todesopfer des 2. Weltkrieges in die Geschichtsbücher ein. © Kriegsarchiv

„Großmutter gestorben!“: Mit diesem Code lösten die Nazis am 31. August 1939 in der Kleinstadt Gleiwitz nahe der Grenze zu Polen kurz vor 16.00 Uhr beim eingeweihten Sonderkommando Alarm aus. Um Punkt 20.00 Uhr sollte der vorgespielte Angriff verkleideter deutscher Agenten auf den deutschen Rundfunksender beginnen, danach polnischen Aufständischen in die Schuhe geschoben werden — und damit den Vorwand für den Angriff Hitler-Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 liefern.

Damit der Angriff auch wirklich glaubhaft erschien, musste am Tatort eine möglichst polnisch erscheinende Leiche zurückbleiben. Die Wahl der Gestapo für diese Rolle fiel auf den im benachbarten Hohenlinden lebenden 41-jährigen Landmaschinenvertreter Franz Honiok. Dieser deutsche Staatsbürger war den Nationalsozialisten schon länger ein Dorn im Auge.

Immerhin soll er als 23-Jähriger am Oberschlesischen Aufstand auf polnischer Seite teilgenommen haben, danach von 1923 bis 1925 sogar auf polnischem Gebiet gewohnt haben und auch nach seiner Rückkehr auf deutsches Gebiet aus seiner Sympathie für die Anliegen Polens kein Hehl gemacht haben.

Wirtssohn wurde geschickt

Franz Honiok © Kriegsarchiv

Am 30. August 1939 wurde der unliebsame Mitbürger auf seinem Anwesen von Angehörigen der NS-Polizei abgeholt. Davor hatten sie von einer nahegelegenen Gaststube zunächst den Wirtssohn losgeschickt, um Honiok zu holen, dieser hatte aber einen anderen Haushalt gleichen Namens aufgesucht und dort niemanden angetroffen. Also machte sich ein Kriminalinspektor selbst auf den Weg — und fand den Gesuchten. „Nach etwa 10 Minuten kam der Inspektor in Begleitung eines kleinen verwachsenen Mannes zurück, dessen Alter ich auf 30 bis 40 Jahre geschätzt hätte.

Der Inspektor führte diesen Mann, der einen einfachen grauen Anzug trug, am Ärmel. Nach dem ganzen Benehmen des Mannes nehme ich an, dass er überrascht war, plötzlich abgeholt zu werden. Er wirkte richtig verdattert“, gab in den 1960er-Jahren ein damals involvierter Kriminalsekretär zu Protokoll. Dass es sich bei dem verhafteten und später ermordeten Mann um Franz Honiok handelte, wurde überhaupt erst 1968 aufgeklärt, nachdem die deutsche Staatsanwaltschaft ab 1963 in dem Fall neue Ermittlungen aufgenommen hatte — ausgelöst durch eine DDR-Filmproduktion und die Anzeige eines Kinobesuchers gegen den seit 1950 in Hamburg lebenden früheren SS-Sturmbannführer Alfred Helmut Haujocks. Im Verhör vor dem Nürnberger Tribunal und auch in einem 1963 geführten Interview mit dem „Spiegel“ macht Haujocks gar kein Geheimnis aus seiner Kommandorolle beim fingierten Angriff auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939. Den Mord an Franz Honiok bestritt der Beschuldigte aber bis zu seinem Tod 1966. Da waren die Ermittlungen noch in Gang. Bis heute ist die Täterschaft aber ungeklärt.

Bewusstlos, aber am Leben

Haujocks gibt am 20. November 1945 als Zeuge — er war noch vor Kriegsende 1944 zu den Alliierten übergelaufen — zu Protokoll, er habe im Zuge des fingierten Angriffs auf den Sender Gleiwitz wie mit der Gestapo abgesprochen „den Mann entgegengenommen und am Eingang zur Sendestation abgelegt“. Honiok sei zu diesem Zeitpunkt noch am Leben, aber bewusstlos gewesen. Er sah zwar keine Schusswunde, so Haujocks vor dem Nürnberger Tribunal, „aber eine Menge Blut über sein Gesicht verschmiert.“ So habe man Honiok am Sender zurückgelassen und dann nach Abrücken Vollzugsmeldung an die Gestapo in Berlin gemacht.

Am 1. September 1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht die Grenzbalken zu Polen nieder und preschen vor. In der Nacht davor hatten deutsche Rollkommandos polnische Überfälle auf deutschem Gebiet vorgetäuscht. © dpa/Archiv

Im „Spiegel“-Interview 1963 glaubt sich Haujocks etwas genauer an die Vorgänge erinnern zu können. Demnach habe er 1939 als Kommandeur der fingierten Angriffsaktion am Eingang zum Sender zwei Mann seines Stoßtrupps postiert. „Die haben mir später erzählt, dass ein Auto mit zwei Mann gekommen sei. Die Gestapo-Leute nannten das Codewort. Am Eingang haben sie den Mann dann hingelegt. Dann sind sie abgefahren“, so Haujocks 1963 zum „Spiegel“. Er selbst und die Mitglieder seines Stoßtrupps seien über jeden Mordverdacht erhaben, schließlich wäre es entgegen der Aktionsidee gewesen, direkt vor Ort jemanden zu erschießen und damit die nahegelegene Polizeistation auf die getarnte Täuschungsaktion aufmerksam zu machen. „Und ich weiß überhaupt nicht einmal, ob dieser Mann erschossen wurde oder ob er beispielsweise durch eine Injektion getötet wurde.“

Mit einer Spritze betäubt?

Damit spielt der verdächtigte Anführer des Rollkommandos im Interview 1963 auf Schilderungen des bereits oben erwähnten Kriminalsekretärs während der Ermittlungen zu Beginn der 1960er-Jahre an. Dieser gibt in einem 1979 erschienen Buch folgende Schilderung der Ereignisse vor dem Überfall auf den Sender ab: „Ich nehme an, dass der SS-Führer Honiok eine Spritze verpasst hat, denn anders kann ich mir dessen Verhalten nicht erklären.“

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler trifft auf dem Flugplatz Warschau ein, um eine Parade der in Polen siegreichen deutschen Truppen abzunehmen. © dpa/Archiv

Der Gefangene sei vor und während des Transports zum Sender immer wieder in sich zusammengesackt, habe sich nicht bewegt und auch nicht gesprochen. Nach Ankunft vor dem Sender habe einer der Gestapo-Männer Honiok aus dem Auto gezerrt, so die Schilderung, wobei Honiok aber noch geröchelt habe. Die nächsten Schilderungen stammen dann von Beamten der Schutzpolizei, die auf den Überfall aufmerksam geworden und zum Einsatzort ausgerückt waren. Da lag die Leiche des Entführten offenbar nicht mehr vor dem Sendergebäude, sondern umzingelt von Beamten der für den Sender eigentlich zuständigen Wachebeamten im Inneren des Gebäudes.

Einer der Schutzpolizisten erinnert sich in den 60-Jahren: „Als ich einen Blick in den Senderaum warf, lag dort eine Person in Hockstellung auf der Seite. Vor ihr befand sich eine Blutlache. Ich sah den Toten aus etwa zehn Metern Entfernung vor mir an einer Schalttafel oder etwas Ähnlichem liegen.“ Die Ermittlungen am Tatort durfte dann nur die Gestapo führen. Im Morgengrauen des folgenden Tages rückt die Wehrmacht als „Vergeltung für den Überfall“ in Polen ein. Der 2. Weltkrieg beginnt. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Honioks Mörder bleiben ungestraft.

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