Die existenzialistische Krimiautorin

Herrliche Lektüre: „Patricia Highsmith. Tage- und Notizbücher“

Eine Mammutaufgabe? Frage nicht. 18 Tage- und 38 Notizbücher in aufrecht nebeneinander stehenden dicken Heften, in Summe 8000 Seiten kostbare Selbstzeugnisse. Gefunden nach ihrem Tod 1995 in Patricia Highsmiths Wäscheschrank. Zu Lebzeiten schwankte die weltberühmte Autorin in ihrer Haltung zu ihren Notizen. Verbrennen? In den Heften deutet viel darauf hin, dass sie das „privat“ Geschriebene veröffentlichen wollte. Sie ringt nach Form, sie strukturiert um.

Bier statt Händedruck

Anne von Planten, Herausgeberin des monumentalen, nüchtern-lakonischen, berauschend aufregenden Buches „Patricia Highsmith. Tage- und Notizbücher“, umreißt im Vorwort den Entstehungsprozess. So fällt auch manch hübsche Anekdote ab wie jene, als von Planten Highsmith 1984 kennenlernte. In einem New Yorker Hotel Besprechung zu „Found in the Street“: „Pat empfing mich zurückhaltend, ließ meine zum Gruß ausgestreckte Hand unbeachtet in der Luft hängen, bestellte ein Bier und schwieg.“

Patricia Highsmith war gefürchtet ob ihrer wortkargen Interviews. Umso berauschender diese Einblicke in ihr Denken, ihr Fühlen. Ein Buch, das einen hineinzieht in eine eigene, faszinierende Welt. Ein Buch, das wie ein Schatzkästchen (oder eher wie eine Schatzkiste) neben dem Bett liegen sollte. Eine Seite aufschlagen, und abtauchen in den Highsmith-Kosmos. Eine Reise durch Mexiko um Weihnachten 1943 mit ihrer damaligen Gefährtin namens Chloe, Highsmith verliert sich kurz in banalen Details: „Wirklich! Gott! Ich sollte solche Kleinigkeiten gar nicht aufschreiben! Ich sollte mich lieber mit meiner Arbeit beschäftigen! Warum erwähne ich Chloe überhaupt noch? Es ist unmöglich, und je eher ich sie los bin, desto besser für mich und für alles, was ich zu erreichen hoffe.“

Diese Zeilen zum Beispiel schrieb Highsmith in deutscher Sprache. In den Notizbüchern (in englischer Sprache) frei fliegende Gedanken, „Keime“ oder „Keimchen“, wie sie Highsmith auf Deutsch nannte (das sie sich selbst beigebracht hatte). In den Tagebüchern umkreiste Highsmith diese Gedanken, wollte sie intellektuell/literarisch fassen. Eine Lebenslust, eine Lebensdistanz. Pralles Leben? Geht das zusammen mit reflektiertem Leben?

Ein Team arbeitete jahrelang, das greifbare Resultat sind gut 1300 Seiten, alleine das Namensregister umfasst knapp mehr als zwanzig Seiten. Gute Gedanken, banale Gedanken, Gedanken von sensationeller Noblesse. Über den von Highsmith verehrten Oscar Wilde (21. April 1990):

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„Seine Geschichte erinnert mich an Christus, einen Mann guten Willens, ohne einen Funken von Boshaftigkeit, aber mit einer Vision für ein erweitertes Bewusstsein und Steigerung der Lebensfreude. (…) Beide litten unter der Eifersucht, die tief in der Brust derer verankert war, die Christus und Oscar noch zu Lebzeiten den Tod wünschten und sie verhöhnten.“

Von Christian Pichler

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