Die Fragen eines Sündenbocks

Lot Vekemans' Monolog „Judas“ in den Linzer Kammerspielen

Helmuth Häusler in „Judas“
Helmuth Häusler in „Judas“ © Brunnader

Die Rollen scheinen klar verteilt. Auf der einen Seite Jesus als Erlöser, auf der dunklen Seite Judas, die „Ikone des Verrats“. Doch listig nachgefragt von dem, dessen Name heute noch vielerorts als Taufname verboten ist: Wer wollte das Rad der Geschichte zurückdrehen?

Kein verräterischer Kuss, kein letztes Abendmahl, kein Kreuzestod, kein Christentum.

Der Donnerstag in den Linzer Kammerspielen, auf dem Programm das Stück „Judas“ der flämischen Autorin Lot Vekemans. Begrenzte Besucheranzahl, ein Einkaufswagerl viraler Abstand. Naturgemäß — was für ein Wort in Corona-Zeiten! — keine Warteschlangen vor der Kassa, sondern vereinzelte Ich-bin-Ichs oder Pärchen. Im Gebäude ist die Maske Pflicht, am Sitzplatz Freiheit für Mund und Nase. Komisches Gefühl, es geht wieder los. Echt jetzt? Leises Hurra, wird schon stimmen.

Ein leichtfüßiges Schwergewicht zur Überbrückung, über Glaube und Zweifel, Schuld und Sühne. Nebojsa Krulanovic begleitet am Piano, das auf „schäbig“ präpariert wurde. Düstere Klänge zu den inneren Qualen des Judas, beschwingter Tanz beim Einzug in Jerusalem.

Helmuth Häusler als irgendwie schon quicklebendiger Judas weiß, was er dem heutigen Publikum bieten muss. Zum Auflockern der Witz vom alten Itzhak, der Gott vergeblich um Reichtum anfleht. Bis der Chef ihn bittet, sich doch endlich Glückslose zu kaufen: „Damit ich eine Chance hab´.“

Schleichend, unauffällig betritt Häusler existenzielle Notgebiete. Wie damals viele Spinner mit Erlöserkomplex herumliefen und er sich für den einen als Messias entschied. Wie Petrus und die anderen vor Angst schlotterten und einzig Judas zur Tat schritt. Jesus wachrütteln! Das Wunder erzwingen, die verfluchten Römer aus dem Land jagen.

Häusler balanciert zwischen nötigem Entertainment und dem unzeitgemäßem Judas, dem sein Anliegen ganz ernst ist. „Reue“ uncool, ebenso „Barmherzigkeit“, doch er wüsste nur zu gerne: Hat ihm Jesus verziehen?

Abgang als Figur einer Spieluhr, die Rolle des Sündenböckleins bleibt haften. Applaus und Bravos nach einer Stunde ohne Pause. Beherzter Auftritt, schönes Denkfutter.

Noch einmal am 25. Juni, 19.30 Uhr; Karten: www.landestheater-linz.at

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